{"id":6663,"date":"2024-09-19T16:07:05","date_gmt":"2024-09-19T14:07:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.industriekultur-krefeld.org\/?p=6663"},"modified":"2025-02-27T11:50:40","modified_gmt":"2025-02-27T10:50:40","slug":"finkelstein-stiftung-verlegt-stolpersteine-in-krefeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.industriekultur-krefeld.org\/index.php\/finkelstein-stiftung-verlegt-stolpersteine-in-krefeld\/","title":{"rendered":"Finkelstein Stiftung verlegt Stolpersteine in Krefeld"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Vergangenes erinnern, reflektieren und gleichzeitig nach vorne schauen<\/h3>\n\n\n\n<p>&nbsp;In Krefeld-Uerdingen erinnern seit dem 11. September 2024 zwei Stolpersteine an Dr. Hans Finkelstein und seinen Sohn Berthold Finkelstein. Entstanden sind sie durch eine Kooperation zwischen der Hans und Berthold Finkelstein Stiftung gGmbH, der Stadt Krefeld und ihrem NS-Dokumentationszentrum.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind knapp zehn Zentimeter lang, zehn Zentimeter breit und zehn Zentimeter tief \u2013 und zieren Stra\u00dfen in \u00fcber 30 L\u00e4ndern: Mehr als 100.000 Stolpersteine hat der deutsche K\u00fcnstler Gunter Demnig seit dem Jahr 1992 verlegt. Auf den kleinen Gedenktafeln stehen die Namen von Menschen, die w\u00e4hrend der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, vertrieben, deportiert oder ermordet wurden, inklusive ihres Geburts- und Todesdatums. Zwei von ihnen erinnern nun vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie an die Namensgeber der Hans und Berthold Finkelstein Stiftung.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/villamerlaender.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Finkelsteinstiftung-Stolpersteinverlegung-Fotos-Chris-Rausch-8-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6876\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Bild: Chris Rausch<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Chemiker Hans Finkelstein war der Erfinder der sogenannten Finkelstein-Reaktion. Er stammte aus einer liberalen j\u00fcdischen Familie und war Forschungsleiter bei Chemische Fabriken vorm. Weiler-ter Meer in Uerdingen, einem Unternehmen, das 1925 in der I.G. Farben aufging. Forschungsarbeiten des Historikers R\u00fcdiger Borstel im Archiv der Bayer AG \u2013 einem der <a href=\"https:\/\/www.industriekultur-krefeld.org\/index.php\/farbwerke-ter-meer\/chemiewerke-in-uerdingen-im-20-jahrhundert\/\" title=\"Teil 2: Chemische Fabriken vormals Weiler-ter Meer\">Nachfolgeunternehmen der I.G. Farben<\/a> \u2013 haben offenbart, dass Hans Finkelstein das Unternehmen im Zuge der Arisierungen 1938 verlassen musste. Noch im selben Jahr nahm er sich das Leben. Sein Sohn Berthold Finkelstein musste sp\u00e4ter bei der I.G. Farben Zwangsarbeit leisten. Berthold Finkelstein war nach 1945 aktiv in der europ\u00e4ischen Verst\u00e4ndigung und politischen Jugendbildung. Er ist der Gr\u00fcnder des Gustav-Stresemann-Instituts in Bonn. Die Biografien der Finkelsteins stehen stellvertretend f\u00fcr die Geschichten unz\u00e4hliger Menschen, die im Nationalsozialismus Unrecht und Verfolgung erfahren mussten und oft mit dem Leben bezahlten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAls deutsches Unternehmen mit rund 100.000 Besch\u00e4ftigten in mehr als 80 L\u00e4ndern f\u00f6rdern wir ausdr\u00fccklich die Vielfalt von Meinungen und Lebenseinstellungen. Ebenso klar sagen wir auch: Ausgrenzung und Hass sind keine Meinung. In diesem Zusammenhang gilt f\u00fcr uns auch und gerade f\u00fcr Unternehmen die Pflicht zur Erinnerung an die Menschen, die Unrecht w\u00e4hrend der Zeit des Nationalsozialismus erfahren mussten. Wir haben im vergangenen Jahr die Hans und Berthold Finkelstein Stiftung ins Leben gerufen und damit unsere Erinnerungskultur weiter gest\u00e4rkt\u201c, betonte Matthias Berninger, Leiter des Bereichs Public Affairs bei der Bayer AG, w\u00e4hrend der Stolpersteinverlegung. \u201eDer Blick in die Vergangenheit hilft uns zu verstehen, warum wir Ausgrenzung, Nationalismus und totalit\u00e4rem Gedankengut keinen Raum bieten d\u00fcrfen. Die beiden neuen Stolpersteine in Krefeld-Uerdingen tragen dazu bei, diese Mahnung und Erinnerung wortw\u00f6rtlich \u201aauf die Stra\u00dfe zu bringen\u2018.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.industriekultur-krefeld.org\/wp-content\/uploads\/IMG_0811-768x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6666\" srcset=\"https:\/\/www.industriekultur-krefeld.org\/wp-content\/uploads\/IMG_0811-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/www.industriekultur-krefeld.org\/wp-content\/uploads\/IMG_0811-225x300.jpeg 225w, https:\/\/www.industriekultur-krefeld.org\/wp-content\/uploads\/IMG_0811-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/www.industriekultur-krefeld.org\/wp-content\/uploads\/IMG_0811-1536x2048.jpeg 1536w, https:\/\/www.industriekultur-krefeld.org\/wp-content\/uploads\/IMG_0811-scaled.jpeg 1800w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/villamerlaender.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Finkelsteinstiftung-Stolpersteinverlegung-Fotos-Chris-Rausch-12-scaled.jpg\"><\/a><a href=\"https:\/\/villamerlaender.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Finkelsteinstiftung-Stolpersteinverlegung-Fotos-Chris-Rausch-7-scaled.jpg\"><\/a><a href=\"https:\/\/villamerlaender.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Finkelsteinstiftung-Stolpersteinverlegung-Fotos-Chris-Rausch-14-scaled.jpg\"><\/a><a href=\"https:\/\/villamerlaender.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Finkelsteinstiftung-Stolpersteinverlegung-Fotos-Chris-Rausch-9-scaled.jpg\"><\/a><a href=\"https:\/\/villamerlaender.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Finkelsteinstiftung-Stolpersteinverlegung-Fotos-Chris-Rausch-10-scaled.jpg\"><\/a><a href=\"https:\/\/villamerlaender.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Finkelsteinstiftung-Stolpersteinverlegung-Fotos-Chris-Rausch-11-scaled.jpg\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Auch Johannes Finkelstein, Enkelsohn und Sohn von Hans und Berthold Finkelstein, nahm an der Verlegung teil: \u201cAntisemitismus und Rassismus sind nicht verschwunden, ganz im Gegenteil, die Diskriminierung nimmt zu. Das Thema Ausgrenzung ist also aktueller denn je. Auch der Geschichtsrevisionismus, also der Wille, Geschichte bewusst umzudeuten oder vergessen zu machen, w\u00e4chst. Diese Stolpersteine sind f\u00fcr mich und f\u00fcr uns als Familie neben den vielf\u00e4ltigen zukunftsgerichteten Aktivit\u00e4ten der Finkelstein Stiftung ein weiterer wichtiger Ausdruck f\u00fcr eine lebendige Erinnerungskultur.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>An der Verlegung nahmen neben Matthias Berninger und Johannes Finkelstein unter anderem Timo K\u00fchn, 1. B\u00fcrgermeister der Stadt Krefeld, Sandra Franz, Leiterin des NS-Dokumentationszentrums in Krefeld, Annemarie H\u00fchne-Ramm, Leiterin der Finkelstein Stiftung, Bella Zchwiraschwili, Beiratsmitglied der Finkelstein Stiftung und Leiterin f\u00fcr Stakeholder Engagement beim World Jewish Congress, Wilfried Klein, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Gustav-Stresemann-Instituts sowie R\u00fcdiger Borstel, Unternehmenshistoriker der Bayer AG, teil.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/villamerlaender.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Foto-Chris-Rausch-0191-239-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6868\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Bild: Chris Rausch<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Rahmen einer gemeinsamen Abendveranstaltung im Historischen Kl\u00e4rwerk stellte R\u00fcdiger Borstel seine pers\u00f6nliche Geschichte der Recherchearbeit zur Akte von Hans Finkelstein vor. Es folgte eine Podiumsdiskussion zum Thema lokale Erinnerung und Engagement in Krefeld.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eindr\u00fccke der Abendveranstaltung im Bild:<\/h3>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.industriekultur-krefeld.org\/wp-content\/uploads\/IMG_0833-1024x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6668\" srcset=\"https:\/\/www.industriekultur-krefeld.org\/wp-content\/uploads\/IMG_0833-1024x1024.jpeg 1024w, https:\/\/www.industriekultur-krefeld.org\/wp-content\/uploads\/IMG_0833-300x300.jpeg 300w, https:\/\/www.industriekultur-krefeld.org\/wp-content\/uploads\/IMG_0833-150x150.jpeg 150w, https:\/\/www.industriekultur-krefeld.org\/wp-content\/uploads\/IMG_0833-768x768.jpeg 768w, https:\/\/www.industriekultur-krefeld.org\/wp-content\/uploads\/IMG_0833-1536x1536.jpeg 1536w, https:\/\/www.industriekultur-krefeld.org\/wp-content\/uploads\/IMG_0833-scaled.jpeg 1800w, https:\/\/www.industriekultur-krefeld.org\/wp-content\/uploads\/IMG_0833-100x100.jpeg 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Foto: Lutz Heesen<a href=\"https:\/\/villamerlaender.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Finkelsteinstiftung-Stolpersteinverlegung-Fotos-Chris-Rausch-4-scaled.jpg\"><\/a><a href=\"https:\/\/villamerlaender.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Finkelsteinstiftung-Stolpersteinverlegung-Fotos-Chris-Rausch-2-scaled.jpg\"><\/a><a href=\"https:\/\/villamerlaender.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Finkelsteinstiftung-Stolpersteinverlegung-Fotos-Chris-Rausch-6-scaled.jpg\"><\/a><a href=\"https:\/\/villamerlaender.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Finkelsteinstiftung-Stolpersteinverlegung-Fotos-Chris-Rausch-1-scaled.jpg\"><\/a><a href=\"https:\/\/villamerlaender.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Finkelsteinstiftung-Stolpersteinverlegung-Fotos-Chris-Rausch-3-scaled.jpg\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erinnerungskultur bei der Bayer AG<\/strong><br>Bereits im vergangenen Jahr hatte Bayer einen Erinnerungsort f\u00fcr die Opfer der Zwangsarbeit der damaligen Niederrheinstandorte der I.G. Farben in Leverkusen errichtet \u2013 als sichtbares Zeichen in einem aktiven Prozess der Erinnerung. Um eine neue Erinnerungskultur nachhaltig im Unternehmen zu verankern, gr\u00fcndete es neben weiteren Aktivit\u00e4ten die Finkelstein Stiftung. Sie unterst\u00fctzt und f\u00f6rdert Projekte zur Rolle der I.G. Farben im Nationalsozialismus und zur St\u00e4rkung der Menschenrechte und entwickelt Programme f\u00fcr eine durch historische Verantwortung gepr\u00e4gte Unternehmens- und F\u00fchrungskultur. Ihr Ziel ist es, die Widerstandskr\u00e4fte gegen Diskriminierung, insbesondere Antisemitismus, Rassismus und jeglichen Hass zu st\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00dcber Bayer<\/strong><br>Bayer ist ein weltweit t\u00e4tiges Unternehmen mit Kernkompetenzen in den Life-Science-Bereichen Gesundheit und Ern\u00e4hrung. Getreu seiner Mission \u201eHealth for all, Hunger for none\u201c m\u00f6chte das Unternehmen mit seinen Produkten und Dienstleistungen Menschen n\u00fctzen und die Umwelt schonen \u2013 indem es zur L\u00f6sung grundlegender Herausforderungen einer stetig wachsenden und alternden Weltbev\u00f6lkerung beitr\u00e4gt. Bayer verpflichtet sich dazu, mit seinen Gesch\u00e4ften einen wesentlichen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung zu leisten. Gleichzeitig will der Konzern seine Ertragskraft steigern sowie Werte durch Innovation und Wachstum schaffen. Die Marke Bayer steht weltweit f\u00fcr Vertrauen, Zuverl\u00e4ssigkeit und Qualit\u00e4t. Im Gesch\u00e4ftsjahr 2023 erzielte der Konzern mit rund 100.000 Besch\u00e4ftigten einen Umsatz von 47,6 Milliarden Euro. Die Ausgaben f\u00fcr Forschung und Entwicklung beliefen sich bereinigt um Sondereinfl\u00fcsse auf 5,8 Milliarden Euro. Weitere Informationen sind im Internet zu finden unter&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.bayer.com\/de\">www.bayer.com\/de<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/villamerlaender.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Finkelsteinstiftung-Stolpersteinverlegung-Fotos-Chris-Rausch-5-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6873\"\/><\/figure>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Biografie von Dr. Hans und Berthold Finkelstein<\/h1>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wehrstra\u00dfe 12<\/h3>\n\n\n\n<p>Hans Ludwig Ernst Finkelstein wurde am 17. April 1885 bei Leipzig-Lindenau in eine j\u00fcdische Familie geboren. Sein Vater, der Fabrikant Dr. Berthold Finkelstein (geb. 1844), kam aus dem galizischen Brody. Dieser Ort war damals Teil \u00d6sterreich-Ungarns und liegt heute in der Ukraine. Mit seiner Ehefrau Pauline, geb. Hirsch, und den Kindern wurde er in Leipzig zwischen 1885 und 1900 eingeb\u00fcrgert. Hans besuchte hier das K\u00f6nig-Albert-Gymnasium.<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Finkelstein wurde 1895 getauft und heiratete die Christin Annemarie, geb. Bruns (geb. 1891). Das Paar bekam drei Kinder: Klaus Peter (geb. 28. November 1913), Eva (geb. 11. Januar 1919) und Johannes Berthold (geb. 23. Dezember 1925). Die gesamte Familie war Teil der evangelischen Kirche.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1909 promovierte Hans in Stra\u00dfburg, Teile daraus wurden 1910 in den Berichten der Deutschen Chemischen Gesellschaft ver\u00f6ffentlicht. Die w\u00e4hrend dieser Arbeit entwickelte \u201eFinkelstein-Reaktion\u201c ist bis heute in der Chemie ein stehender Begriff.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab 1912 arbeitete er als Leiter der Forschungsabteilung der Chemischen Fabriken vorm. Weiler-Ter Meer in Uerdingen. Dieser Betrieb spielte, auch sp\u00e4ter als Teil der IG Farbenindustrien und nach dem Krieg der Bayer AG, eine wichtige Rolle in der lokalen Wirtschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Gem\u00e4\u00df der antisemitischen \u201eN\u00fcrnberger Gesetze\u201c von 1935 galt Hans dem NS-Regime ungeachtet seiner Taufe als \u201eVolljude\u201c, die Kinder als \u201ehalbj\u00fcdische Mischlinge\u201c. Familienmitglieder berichteten nach der Kriegszeit davon, dass sich seine Vorgesetzten durchaus f\u00fcr ihn einsetzten und ihn so lange sie konnten auf seinem Posten hielten. Annemarie Finkelstein bezeugte nach dem Krieg w\u00e4hrend dem IG-Farben-Prozess in N\u00fcrnberg, dass Fritz ter Meer ihm seinen pers\u00f6nlichen Schutz versprach.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz, oder vielleicht gerade aufgrund, seiner hohen Position, war Finkelstein Ziel von Abh\u00f6r- und Beschattungsaktionen der Geheimen Staatspolizei. So ist eine Akte erhalten, in der ein Telefongespr\u00e4ch mit einem unbekannten Berliner Gespr\u00e4chspartner erhalten. Im anschlie\u00dfenden Bericht wird erw\u00e4hnt, dass Hans Finkelstein bei den IG Farbenwerken \u201edas gr\u00f6\u00dfte Vertrauen\u201c genie\u00dfe. Die Akte schlie\u00dft 1938 mit Gespr\u00e4chen der Gestapo mit dem Abwehrbeauftragten des IG-Farbenwerkes, einer Art Verbindungsmann zwischen dem Betrieb und der Gestapo. Dieser teilte mit, dass Finkelsteins \u201eVerbleiben im Werk als Jude nicht mehr tragbar\u201c sei und bat gleichzeitig darum, dessen Reisep\u00e4sse einzuziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Verlust seiner Position hat in Hans Finkelstein vermutlich den Entschluss gefestigt, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Im Dezember 1938 schrieb er der Familie einen Abschiedsbrief, in dem er dies erkl\u00e4rt. Er geht auch auf die Novemberpogrome ein \u2013 scheinbar lie\u00dfen sie ihn zweifeln, ob er seine Familie in der nun gef\u00e4hrlicheren Situation verlassen k\u00f6nne. Doch am 30. Dezember 1938 nahm sich Dr. Hans Finkelstein im Krefelder S\u00fcdpark mit Gift das Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund seiner Einstufung als \u201ehalbj\u00fcdischer Mischling\u201c wurde Berthold Ende 1942 von der Sch\u00e4fer-Voss-Schule, dem heutigen Gymnasium am Moltkeplatz, verwiesen. In einem Interview f\u00fcr die NS-Dokumentationsstelle Krefeld im Jahre 1993 berichtete er, dass der Lehrer Herr Dr. Winzer ihn weiterhin privat kostenfrei unterrichtete.<br>Von Anfang 1943 bis Herbst 1945 wurde er als Chemie-Hilfsarbeiter u.a. im Uerdinger IG-Farbenwerk zwangsverpflichtet. Im Interview wird vermutet, dass dies auf Betreiben des Direktors Haberland geschah, um ihm noch einen gewissen Schutz vor weiterer Verfolgung zu bieten. Trotz dieser schwierigen Umst\u00e4nde \u00fcberlebte er mit seiner Familie den Krieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Kriegsende begann Berthold 1945 in Bonn zu studieren. Er interessierte sich f\u00fcr Chemie, Theologie und Wirtschaftswissenschaften, erhielt 1953 das Staatsexamen als Diplom-Volkswirt und erlangte abschlie\u00dfend die Promotion. F\u00fcr die durch Zwangsarbeit verlorene Ausbildungs- und Arbeitszeit erhielt er in dieser Zeit eine Entsch\u00e4digung von 5.000 DM.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon w\u00e4hrend seines Studiums engagierte er sich f\u00fcr den Austausch und die Verst\u00e4ndigung zwischen jungen Menschen in Europa. Er organisierte internationale Treffen und war 1949 an der Gr\u00fcndung des Internationalen Studentenbundes beteiligt, in dem er eine f\u00fchrende Rolle \u00fcbernahm.<\/p>\n\n\n\n<p>1951 wurde Berthold auf Initiative des belgischen Politikers Paul-Henri Spaak Leiter des deutschen B\u00fcros der Europ\u00e4ischen Jugendkampagne. Diese Kampagne, die junge Menschen in den Aufbau eines demokratischen und friedlichen Europas einbeziehen sollte, war f\u00fcr ihn eine Herzensangelegenheit. 1959 f\u00fchrte seine Arbeit zur Gr\u00fcndung des Gustav-Stresemann-Instituts, das er den Rest seines Lebens leitete. F\u00fcr diesen Einsatz im Sinne des Europ\u00e4ischen Gedankens wurde Berthold Finkelstein u.a. 1985 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Berthold Finkelstein war mit Gertraude Hinrichs verheiratet, welche er als Mitarbeiterin des GSI kennenlernte. Gemeinsam hatten sie einen Sohn, den Architekten Johannes. Berthold Finkelstein verstarb am 27. Oktober 1996 in Bonn.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr lesen:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.industriekultur-krefeld.org\/index.php\/farbwerke-ter-meer\/chemiewerke-in-uerdingen-im-20-jahrhundert\/\" title=\"Teil 2: Chemische Fabriken vormals Weiler-ter Meer\">I.G. Farben Uerdingen<\/a> <\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/villamerlaender.de\">https:\/\/villamerlaender.de<\/a><\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/finkelstein-foundation.bayer.com\/de\">https:\/\/finkelstein-foundation.bayer.com<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vergangenes erinnern, reflektieren und gleichzeitig nach vorne schauen &nbsp;In Krefeld-Uerdingen erinnern seit dem 11. September 2024 zwei Stolpersteine an Dr. Hans Finkelstein und seinen Sohn Berthold Finkelstein. Entstanden sind sie durch eine Kooperation zwischen der Hans und Berthold Finkelstein Stiftung gGmbH, der Stadt Krefeld und ihrem NS-Dokumentationszentrum. 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