Verseidag zentrale Betriebsstätte

Die Vereinigte Seidenwebereien AG „Verseidag“ war lange Zeit der größte Seidenkonzern Europas. Die Verseidag verarbeitete Seide als Bekleidung, vielfältige Dekorationsstoffe, war Zulieferer der Möbelindustrie, stellte aber auch technische Textilien her.

Sehenswert ist das HE-Gebäude am ehemaligen zentralen Betriebsstandort:


Geschichte und Hintergrund

Verseidag HE-Gebäude und Glockenturm. Foto: © Christoph Becker

Zum Ausgang des 1900 Jahrhunderts war für die meisten Seidenwebereien die Umstellung von der hand- zur mechanischen Weberei erfolgt. Auch im Ersten Weltkrieg war die Produktion erfolgreich weitergelaufen, bis 1917 die Versorgung mit Rohseide zusammenbrach, die Fabriken stillstanden.

Die Gründer der Verseidag

Seit 1919 hatte sich ein loser Zusammenschluss von Seidenfabrikanten gebildet, um durch die Zusammenarbeit beim Rohstoffeinkauf und durch Kooperation Synergien und Effizienzsteigerungen zu erzielen, der 1920 zur Gründung der Vereinigten Seidenwebereien AG, kurz „VerseidAG“ führte.

Gründer waren die Inhaber bisher mittelständischer regional verteilter Seidenwebereien, Dr. Josef Esters (Seidenweberei Gebr. Esters, Süchteln), Hermann Lange (Seidenweberei Carl Lange, Krefeld) und als größter Geldgeber die Familie Oetker (Mechanische Seidenweberei Deuss & Oetker) mit mehreren Standorten am Niederrhein.

Anzeige, 1922

Es entstanden nun in rascher Folge Verkaufsbüros in Berlin, Wien, London, Amsterdam, die Verseidag agierte schnell immer internationaler und wuchs im Inland durch weitere Fusionen mit anderen Seidenwebereien erheblich weiter. Das Unternehmen stieg 1926 an die Weltspitze der Krawattenstoff-Produzenten auf.

Der neue zentrale Produktionsstandort

Zum Hauptstandort sollte das Gelände an der Girmesgath in Inrath, im Norden der Stadt Krefeld ausgebaut werden. Die Rationalisierung der Produktion spielte für die Verseidag nun eine große Rolle, denn an den alten verteilten Standorten der Ursprungsunternehmen jeweils die erforderlichen Produktionsschritte vorzuhalten, oder die halbfertigen Waren immer wieder hin und her zu transportieren, erhöhte den Zeitaufwand und die Kosten.

Von 1931-38 erbaute die Bau-Abteilung der Verseidag nach den Plänen von Mies van der Rohe das sogenannte HE-Gebäude für die Präsentation für Herrenfutterstoffe sowie die anschliessenden Shedhallen. Diese stellen die einzigen Industriebauten von Mies van der Rohe weltweit dar.

Mies van der Rohe

Der damals junge und in Aachen aufgewachsene und ausgebildete Avantgarde-Architekt Ludwig Mies van der Rohe war bereits 1927 von dem an Kunst interessierten Verseidag Vorstand Herman Lange für den Bau zweier privater Wohnhäuser der Lange- und Esters-Familien engagiert worden.

Mies van der Rohe fotografiert 1934 von Hugo ErfurthMKG Sammlung Online, Gemeinfrei, Link

Haus Esters & Haus Lange

Haus Esters, Haus Lange Krefeld, 2019, Foto: © Christoph Becker

Barcelona Pavillon

1929 hatte Mies van der Rohe den Ausstellungspavillon des Deutschen Reichs auf der Weltausstellung in Barcelona erschaffen. Dieser sollte die Selbstdarstellung der Weimarer Republik mit ihren Taten, Fähigkeiten und Zielen sein. Mies van der Rohe ist dies wohl auf eine einzigartige Weise gelungen, denn er schuf ein Werk, das nicht nur das Ausstellungswahrzeichen wurde, sondern auch stilbildend für die moderne Architektur sein sollte:

Barcelona-Pavillon Mies van der Rohe 1929 (Rekonstruktion 1986). Foto: Ashley Pomeroy in der Wikipedia auf Englisch, CC BY 3.0, Link

HE-Gebäude der Verseidag

Die Firmengebäude in Krefeld 1931 waren die letzten von Ludwig Mies van der Rohe realisierten Projekte in Deutschland vor seiner Auswanderung in die USA.

Kantine der Arbeiter im Erdgeschoss, ca. 1936. Foto: © Stadtarchiv Krefeld

Mies van der Rohe legte bei den Bauten der Verseidag grundlegende Prinzipien fest, die er als wesentlich für ein Industriegebäude ansah:

  • eine aussagekräftige Form,
  • möglichst wenige Trennwände
  • und die Schaffung von lichtdurchfluteten
  • und möglichst säulenfreien Räumen.

Diese Gestaltungspinzipien und die Notwendigkeiten der Funktionen ergaben das Erscheinungsbild der Gebäude:

Foto: 2020 © Christoph Becker
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Verseidag, ca. 1936, Foto: © Stadtarchiv Krefeld.

Die Bauten der Verseidag brechen mit der bisherigen traditionellen Backsteinbauweise (im Bild oben an den Shedhallen rechts erkennbar, denn stattdessen sind HE-Gebäude und die Sheds der Färberei (auf dem bild ganz links) ornamentfreie, strahlende und weiße Bauten. Ursprünglich war das HE-Gebäude nur zweistöckig ausgeführt, Erich Holthoff als Schüler Mies van der Rohes und Bauleiter der Verseidag betreute bis 1937 dessen Aufstockung zum heutigen 4stöckigen Erscheinungsbild.

Vom Bauhaus in die USA

Nachdem Mies van der Rohe 1930 die Berufung zum Direktor des Bauhauses in Dessau angenommen hatte, wurde dieses bereits 1932 von einem neu gewählten Stadtrat Dessaus mit seiner nationalsozialistischer Mehrheit aus politischen Gründen geschlossen. Mies van der Rohe richtete daraufhin das Bauhaus in Berlin als Privatinstitut ein, dieses Unterfangen musste aber Mitte 1933 aufgeben werden. 1938 emigrierte er in die Vereinigten Staaten von Amerika und wurde 1944 amerikanischer Staatsbürger.

Rückblickend ist er einer der außergewöhnlichen Architekten, die prägend für das des 20. Jahrhundert waren und die Entwicklung der Architektur wesentlich beeinflusst haben.

Weitere Werke von Mies van der Rohe

1956 die S.R. Crown Hall, das Hauptgebäude des College of Architecture, Planning and Design des Illinois Institute of Technology (IIT) in Chicago, Foto: © Jenn22356 CC BY-SA 3.0 Link
Die 860–880 Lake Shore Drive Apartments 1951 in Chicago, Foto: © AlasdairW CC BY-SA 3.0, Link
Das Seagram Building, Wolkenkratzer in New York City 1958 Foto: © Tom Ravenscroft, CC BY 2.0, Link

Verseidag im Nationalsozialismus

Die Verseidag Geschäftsleitung unter Herman Lange und Dr. Josef Esters investierte während des Nationalsozialismus in wehrwirtschaftlich wichtige Betriebe. Hermann Lange hatte in Berlin als Verbandsfunktionär bereits im Ersten Weltkrieg Erfahrungen mit Kriegsrohstoffproduktion gesammelt. So wurde 1937 auch die Rheinischen Kunstseide AG (Rheika) Fabrik in Linn am Rheinhafen errichtet, um dort chemisch erzeugte Kunstseide zu verarbeiten, verwendet zum Beispiel in Fallschirmen für die deutsche Wehrmacht. Damit sollten Lieferschwierigkeiten der Rohseide während des sich anbahnenden Weltkriegs begegnet werden können. Aufsichtsratsvorsitz der Rheika übernahm zuerst Hermann Lange, später Josef Esters.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden in der Rheinischen Kunstseide AG (und auch in Betriebsteilen der Verseidag) sowohl Zwangsarbeiter als auch Kriegsgefangene aus West und Ost eingesetzt. Agnes Humbert, Pariser Kunsthistoriker die im besetzten Frankreich in der Resistance aktiv war, als Gefangene nach Krefeld-Anrath verschleppt wurde beschreibt in ihrem Buch „Notre guerre. Souvenirs de Résistance“ ihre Erfahrungen als Zwangsarbeiterin.

Die Verseidag Unternehmensleitung, aber auch Hermann Lange als Privatmann, waren an Arisierungen Krefelder Unternehmen beteiligt, siehe Arisierung in Krefeld.

Bei Bombardierungen der Alliieren am 22. Juni 1943 wurden große Teile Krefelds zerstört, der zentrale Ausrüstungsbetrieb der Verseidag wurde beschädigt.

Nachkiegszeit – Wiederaufbau – Niedergang – Fortbestand

Die Verseidag war schnell wieder eines der größten Unternehmen Krefelds und es waren 5.500 Mitarbeiter wurden 1951 beschäftigt, die Produktion war rasch auf 90% der Vorkriegsleistung angewachsen. 1956 wurde der Neubau der Verseidag Hauptverwaltung fertiggestellt. Dem Wirtschaftswunder folgte die Textilkrise, immer mehr Teilbetriebe wurden geschlossen.

Die Verseidag wandelte sich in den 90er Jahren vom Textilunternehmen zu einem Zulieferspezialisten im Kunststoffbereich der bis heute als Verseidag Indutex GmbH fortbesteht ist. Am Standort der an der Industriestraße gelegenen ehemaligen Verseidag Filmdruckerei wird heute u.A. PVC, PTFE, PU und Neopren beschichtet, lackiert oder geprägt.

Am zentralen Produktionsstandort der Verseidag setzt der Unternehmer Wolf-Reinhard Leendertz die Textiltradition Krefelds mit der Übernahme des Standorts fort. Die Unternehmen kragoART und kragoTEC, Nachfolger der 1854 in Krefeld gegründeten Krahnen & Gobbers Seidenweberei, fertigen dekorative und trauerfloristische Artikel für den Floristengroßhandel:

Im IHK Magazin, 07.2015 erinnert sich Leendertz: „Nach der Insolvenz des Textilveredlers Voss-Biermann- Lawaczeck im Jahr 2009, der hier ansässig war und zu dessen Kunden wir gehörten, habe ich mich um die Rückabwicklung gekümmert..“Der Anblick, der sich mir damals bot, war niederschmetternd: Der Boden und die Fenster waren zerbrochen, die Dächer waren kaputt, und überall saßen Tauben, während alte Ventilatoren im Wind quietschten. Es war ein Bild der Verwüstung.

Erhalt

Das Gelände wird als Mies van der Rohe Business Park erhalten und immer weiter zugänglich und umnutzbar gemacht. Die Gebäude sind von außen im Park zugänglich. Das HE-Gebäude ist an private Büronutzer vermietet. 

Das Kesselhaus wartet noch immer auf seine Entdeckung. Es würde eine aufsehenerregende Halle mit herausragender architektonischer Qualität ergeben, um die Krefeld von sehr vielen Städten beneidet werden würde.

Mies van der Rohe Business Park, Kesselhaus rechts im Bild. Foto: © Christoph Becker

Mehr lesen:

Mies van der Rohe Business Park

Vereinigte Seidenwebereien AG
Hauptverwaltung

Vereinigte Seidenwebereien AG

Geschichte
von Stefanie van de Kerkhof

Bauwerke 
von Denise Hesselmann
und Henning Bleul 
  
Hauptverwaltung 
(Stadthaus)
von Sabine Lepsky

Zentrale Betriebsstätte
von Sabine Lepsky

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