Teil 2: Chemische Fabriken vorm. Weiler-ter Meer

1900 Das Chemiewerk in Uerdingen und die Konkurrenz

Die konkurrierenden Unternehmen der Teerfarbenindustrie waren, im Vergleich ihrer Leistungsfähigkeit und der Innovationskraft, bereits erheblich schneller als die Chemischen Fabriken vorm. Weiler-ter Meer gewachsen und diesen Vorsprung konnte das Werk in Uerdingen kaum mehr einholen.

Ein eigenständiges Laboratorium existierte in Uerdingen erst seit 1899, in Folge gab es in Uerdingen vergleichsweise weniger Patentanmeldungen. Denn in Uerdingen konzentrierte man sich dafür auf Optimierungen der Produktionsverfahren und die Verbesserung der Produktqualität, versuchte dazu weiterhin die verstreuten Standorte aus Köln und Krefeld nach Uerdingen zu konzentrieren.

1905 wächst das Werk über die Bahnlinie hinaus

Der Fabrikstandort füllte um 1905 bereits vollständig den verfügbaren Streifen des Rheinufers aus, eine weitere Ausdehnungen war schwierig. Denn der schmale Uferstreifen war bereits durch die benachbarten Betriebe der Chromfabrik Wedekind & Cie., daran anschließend Chemische Werke Lienau, dann die Bleiwerke Röhr, anschließend die Ölfabrik Holtz und Willemsen belegt.

Kartenausschnitt: neue Werksteile nördlich der Eisenbahnlinie. Quelle: Landesarchiv NRW, Abt. Rheinland, Karte R RW 04177

Und auf der anderen Seite lag die dörfliche Siedlung Hohenbudberg.

Das Werk musste sich nun über die preußische Staatsbahnlinie hinweg nach Norden weiter ausdehnen. Die neue Begrenzung nach Norden sollte die Friedensstraße sein. Im Werk Uerdingen spricht man daher nun von der „Rheinseite“ zwischen Bahnlinie und Rhein, oder der „Landseite“ zwischen Bahnlinie und Friedensstraße.

1907 Meistersiedlungen und Ledigenwohnheime

An der Liebigstraße (heute rückgebaut und durch das Werk genutzt) und an der Friedensstraße (Straße auf dem Werksgelände noch existent, aber zur Nutzung durch die Öffentlichkeit gesperrt) im Nordosten des Werks, entstehen seit 1907 zwei Werkswohnsiedlung mit Häusern der Architekten Girmes & Oediger. Die damals sogenannten Meistersiedlungen umfassten auch ein Ledigenwohnheime.

Hintergrund des Werkswohnungsbaus war der enorme Bedarf an Wohnraum für Angestellte des Werks, der allerdings auch die nächsten Jahrzehnte nicht ansatzweise gedeckt werden konnte.

Für Uerdingen ist durchgehend für die gesamte Zeit der Vergrößerung des Chemiewerks eine sehr hohe Wohnungsnot, insbesondere für Arbeiterfamilien dokumentiert. Im Chemiewerk fluktuierten die Arbeitskräfte enorm und diese reisten zudem aus weiter entfernten Ortschaften täglich als Großteil der Mitarbeiter an. Die Wohnungsbauaktivitäten an der weit von der Infrastruktur der Stadt Uerdingen entfernten Liebig- und Friedensstraße konnten diesen Zustand nicht lindern.

1910 Fritz ter Meer tritt in den Betrieb ein

Der Sohn Edmund Ter Meers studierte seit 1903 Chemie an den Universitäten Tübingen, Gießen und Berlin, bis er 1909 promovierte. Nach kurzer Eingewöhnungszeit in Uerdingen übernahm Fritz (Friedrich Hermann) Ter Meer rasch die Leitung einer Filiale des Werks in Nordfrankreich, bei Tourcoing.

Bis 1911, zum 50jährigen Bestehen, war das Werk auf beachtliche Ausmaße gewachsen und 1912 wurden am Standort Uerdingen 4000t Farbstoffe hergestellt, das Werk war nun der bei weitem größte industrielle Betrieb in Uerdingen geworden.

Werksansicht, im Vordergrund die nördliche Erweiterung, im Hintergrund jenseits der Eisenbahnlinien altes Werk, oben in der Mitte: Verwaltungsgebäude, links hinten: Hohenbudberg, vorne links: Werkssiedlung mit für Meister und Ledigenheime an der Friedensstraße. Quelle: Zum 50jährigen Bestehen, Eberhardt, C., Düsseldorf, 1911 ´

Die Mitarbeiteranzahl betrug im Jahr 1911:

  • 54 Chemiker und Techniker
  • 117 Kaufleute
  • 99 Meister
  • 1100 Arbeiter

Als Jubiläumsgeschenk zum 50jährigen Bestehen erhielten Arbeiter einen Geldbetrag zwischen 5 und 50M. Unter 18 Jahren und weibliche Arbeiter erhilten die halben, die Meister erhielten die doppelten Beträge. Festgehalten wurden auch die geltenden Jahresurlaubsregelungen. Diese betrugen

  • bei Tagelöhnern
    • Arbeiter, Handwerker und Vorarbeiter im Mindestalter von 30 Jahren
      • nach 10-jähriger Dienstzeit 4 Tage Urlaub
      • nach 15-jähriger Dienstzeit 6 Tage Urlaub
  • bei Monatslohn Empfängern
    • Meister
      • nach 10-jähriger Dienst 10 Tage,
      • nach 15-jähriger Dienstzeit 14 Tage Urlaub.
  • Urlaubsvergütung
    • männlichen Arbeiter 6 Mark pro Tag
    • weiblichen Arbeiter 4 Mark pro Tag

Gegenüber der Landgemeinde Hohenbudberg entstand in der Folge ein langgestrecktes Verwaltungsgebäude des Werks, das durch die Krefelder Architekten Girmes & Oediger geplant wurde, aber erst im Ersten Weltkrieg fertig werden sollte.

Werksansicht, Hohenbudberg, Verwaltungsgebäude. Siehe auch Zeichnung des Werks zuvor.

1913 Fritz Ter Meer übernimmt Teile der Werksleitung in Uerdingen

Mit Prokura und dem Titel eines Direktors gehörte Fritz Ter Meer rasch zum engsten Mitarbeiterstab seines Vaters. Fritz Ter Meer übernahm danach die Leitung der gesamten anorganischen Abteilung der Fabrik und begann in der Folge mit der Errichtung einer Anlage für Trinitrotoluol TNT Sprengstoff.

Erster Weltkrieg, Umstellung in Uerdingen, kriegswichtige Chemikalien

Die chemischen Fabriken vorm. Weiler-ter Meer wurde im Ersten Weltkrieg auf die Herstellung von kriegswichtigen Chemikalien umgestellt, die während des Verlaufes des Krieges noch erheblich weiter erhöht werden sollte. Der Trinitrotoluol (TNT) Sprengstoff wurde in einem eingens dafür aufgebauten Betrieb hergestellt, der bereits Anfang 1915, unter der Leitung von Fritz Ter Meer, die Produktion von Sprengstoff aufnahm.

In Uerdingen wurden zudem erhebliche Mengen von speziellen Zusatzstoffen für die gesamte deutsche Sprengstoffproduktion hergestellt. Diese wurden für alle Arten von Geschossen benötigt, um die Treibladungspulver zu verbessern, indem damit frühzeitige Explosionen oder zu hohe Abbrandtemperaturen und dadurch bedingte Schäden an Geschützrohren vermieden wurden.

Vom Werk Weiler-ter-Meer in Uerdingen werden diese Zusatzprodukte unter dem Namen: Mollite 7 in den Handel gebracht. Es wird in Recherchen berichtet, dass 1915 bis 1939 in Deutschland die Herstellung von diesen Sprengstoff-Stabilisatoren und Sprengstoff-Gelantinatoren ausschließlich im Werk Uerdingen stattfand. Allein für den Stabilisator Centralit ergibt sich bereits im Jahr 1913 in Uerdingen, laut Produktionsstatistik, die Menge von 155t Centralit I und 59t Centralit II. Insgesamt wurden seit 1914 – 1942 in Uerdingen der größere Teil der Gesamtmenge von 28.278t Stabilisatoren und Gelantinatoren hergestellt. (Im Werk Wolfen der I.G. Farben erfolgte die Produktion dieser Stoffe erst ab 1939) 1 und 2

1916 Fritz ter Meer führt Uerdingen zur „kleinen IG Farben“

Im Zuge der Kriegsproduktion im Ersten Weltkrieg erfolgte der von Carl Duisberg (Bayer Leverkusen) initiierte Zusammenschluss der wichtigsten deutschen Farbenfabriken. An den Verhandlungen zur Gründung war auf der Seite des Werks in Uerdingen, der Sohn des Gründers Fritz ter Meer beteiligt, nun auch Vorstandsmitglied des Unternehmens.

Am 18. August 1916 schloss sich die Teerfarbenindustrie in Gestalt von Bayer, BASF, Agfa, Farbwerke Hoechst, Cassella, Farbwerke Mainkur, Kalle AG und der chemischen Fabrik Weiler ter Meer, zur Interessengemeinschaft der deutschen Teerfarbenfabriken mit einer Laufzeit von zunächst 50 Jahren zusammen. 

Mit dem Zusammenschluss waren gemeinsame Richtlinien einer Gewinngemeinschaft festgelegt, jedoch behielt jedes Unternehmen seine eigene Produktion, Geschäftsführung und auch die Verkaufsorganisation bei.

Die Interessengemeinschaft (IG) nahm durch ihren Sprecher Carl Duisberg direkten Einfluß auf den Kriegsverlauf des Ersten Weltkriegs, indem sie den direkten Kontakt zur Obersten Heeresleitung suchten und bei der Entmachtung des Kriegsministeriums mitwirkten. Sie betrieben den Sturz des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg, der Bedenken gegen eine „totale Mobilmachung“ hatte und sorgten aktiv zur Ausweitung des Krieges, der unter der Aufbietung aller verfügbaren Reserven und Technologien, auch und insbesondere mit dem Einsatz von Giftgas (auch der IG), entscheidend vorantrieben.

1920 Beauftragung der Ter Meer Siedlung

Die gute wirtschaftliche Lage der Chemischen Fabrik vorm. Weiler-ter Meer, die 1919 auch noch nach Kriegsende weiterhin Gewinn einbrachte, führte 1920 zu einem Auftrag Edmund ter Meers für den Bau einer Siedlung mit 120 Wohnungen an die Hausarchitekten des Unternehmens Girmes & Oediger . Siehe

1920 – 1923

produzierten die chemischen Fabriken Weiler ter Meer innerhalb der Interessengemeinschaft durchschnittlich 3,4% der gesamten Kapazität des Zusammenschlusses. Die größten Produktionsstandorte lagen in Ludwigshafen (BASF), Leverkusen (BAYER) und in Frankfurt mit jeweils rund 20% der Produktion.

1924 Wirtschaftskrise

Aufgrund der beginnenden Wirtschaftskrise stellt die Fabrik die Produktion ein

1925 Eisenoxidpigmente

1925 fand der Chemiker Julius Laux in Uerdingen ein Verfahren, das die Herstellung von Eisenoxidpigmenten mit Farbnuancen erstmals kostengünstig ermöglichte.

1926 Eingemeindungen

Schon seit gut 20 Jahren gab es immer wieder Bestrebungen die eingeengte Situation Uerdingens zwischen Rhein und Bahnlinien, durch städtische Eingemeindungen ins Umland zu vergrößern.

Dabei spielte die ausgesprochen angespannte Wohnsituation in Uerdingen für den Stadtrat eine der wesentlichen Rollen. Denn die Mitarbeiter der Industriebetriebe, insbesondere und besonders stark betroffen das große Chemiewerk, hatten auch nicht ansatzweise genug Wohnraum für die eigenen Mitarbeiter in Uerdingen geschaffen. Arbeiter pendelten von Moers, Kaldenhausen, Krefeld, Lank zum Werk und fanden dort ihre Arbeit. Die Gemeinde Uerdingen hatte einfach zu wenig Wohnraum und musste sich bereits an einigen Kosten, zB. für Schulen, in den umliegenden Gemeinden beteiligen.

Jedoch sprach sich Edmund ter Meer sowohl 1903 als auch 1909 gegen die Bestrebungen durch den Rat der Stadt Uerdingen zur Erweiterung aus. Das Unternehmen hatte ausreichend Platz für die Expansion zum Nord-Westen hin gefunden und war bereits 1905 über die Bahnlinie hinaus bis zur Friedensstraße gewachsen.

1922 und 1924 wurden neuerliche Eingemeindungsversuche gestartet, diesmal aber mit der Unterstützung und Intervention durch Edmund ter Meer. Als sich auch hier kein Erfolg einstellte, wurde 1926 ein weiterer Versuch gestartet, der endgültig Ende 1927 zur Eingemeindung von Hohenbudberg, des Hagschinkel und Teilen von Kaldenhausen führte. Dies sollte allerdings für die drei beteiligten Ortschaften noch ungeahnte Konsequenzen haben.

1926 Gründung der I.G. Farben

1926 wurden die chemische Fabrik vorm. Weiler-ter Meer in die neu errichtete Aktiengesellschaft der I.G. Farben-Industrie (I.G. Farben AG) vollständig integriert.

Die Mitgliedsunternehmen der IG waren:

  • Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikation (Berlin)
  • Badische Anilin- und Sodafabrik AG (Ludwigshafen am Rhein) mit der Ammoniakwerk Merseburg GmbH (Merseburg/Leuna)
  • Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co. (Leverkusen)
  • Chemische Fabrik Griesheim-Elektron (Frankfurt-Griesheim)
  • Chemische Fabrik Kalle & Co. AG (Biebrich)
  • Farbwerke Leopold Cassella & Co. (Fechenheim)
  • Farbwerke vorm. Meister Lucius und Brüning AG (Höchst am Main)
  • Chemische Fabriken Weiler-ter Meer (Uerdingen)
I.G. Farben Werk Uerdingen, undatiert, Wasserturm beschriftet mit I.G. Farben Uerdingen

Fritz ter Meer übernahm mehrere Funktionen im neuen Konzern: Mitglied im Vorstand (seit 1925), Mitglied des Arbeitsausschusses, Mitglied des technischen Ausschusses (seit 1932), Leiter der Sparte II im Reichskriegsministerium und Wehrwirtschaftsführer (seit 1932).

Fritz ter Meer, Sohn des Werkbesitzers in Uerdingen, war in den obersten Führungsgremien des I.G. Farben Konzerns in leitender Position. Die Werksleitung in Uerdingen gab er ab und wohnet seit 1935 in Frankfurt/Main, dem Hauptsitz der I.G. Farben.

1929 Krefeld-Uerdingen am Rhein

Uerdingen am Rhein und Krefeld bilden die Dachgemeinschaft Krefeld-Uerdingen am Rhein als einzigartiges Konstrukt, mit weitgehender kommunaler Selbstständigkeit der beiden Stadtteile.

Anzeige aus: Festschrift zur Eröffnung der Rheinbrücke Uerdingen 1936

1939 Konzentration der Anilinerzeugung in Uerdingen

Das Werk Uerdingen der I.G. Farben war nach der Neuordnung der Werksgruppen durch Fritz Ter Meer die größte Anilinerzeugungsstätte im Konzem geworden. Ende der 30er Jahre ging auch ein neues zentrales Kraftwerk in Betrieb. 1939 erreichte die in Uerdingen hergestellte Anilinölmenge 10.400t.

1940 Zwangsarbeiter Lager für das Werk

Für das I.G. Farben Werk Uerdingen gab es im zweiten Weltkrieg ein mit Stacheldraht umwehrtes Barackenlager, in dem russische Kriegsgefangene beiderlei Geschlechts gefangen gehalten wurden und im Werk Zwangsarbeit leisten müssen. Das Lager hat sich im Bereich des Hagschinkel/Kaldenhausen nord-westlich des Werkes befunden.

1940 Krefeld

Das Reichsministerium des Inneren drängte während des Krieges darauf, die Dachgemeinschaft der Stadtteile Uerdingen und Krefeld mit ihrer doppelten Verwaltungsstruktur aufzulösen und zu einer Stadt zusammenzuführen. Am 25. Januar 1940 endete die Dachgemeinschaft und die kommunalen Selbstverwaltung Uerdingens.

1945 Untersuchung des Werkes durch die Alliierten

Nach der Einnahme des Rheinlandes durch die Amerikaner wurde ein Besuch des Uerdinger Werks durch die Experten des Combined Intelligence Objectives Sub-Committee C.I.O.S. im Auftrag des britischen- und amerikanischen- Militärs vorgenommen. Bei den Untersuchungen und Anhörungen der leitenden Mitarbeiter im Werk wurden die Produktionsanlagen und Produktionsverfahren durch die Alliierten detailliert aufgenommen und nach London und Washington weitergeleitet.

Der erhaltene (C.I.O.S.) Report XXVII-80 zeigt auch, dass im Werk Uerdingen chemische Kampfstoffe hergestellt wurden. Der im Werk Uerdingen angetroffene Forschungsdirektor Dr. Hamans erklärte bei der Befragung den Produktionsprozess im Werk. Adamsit (Azin) ist eine arsenhaltige organische Verbindung, die als Nasen- und Rachenkampfstoff eingesetzt wurde.

In Altlastenkatastern wird die Produktionskapazität von Adamsit im dem 1944 durch Luftangriffe zerstörten Anlagenteil in Uerdingen mit monatlich 200t angegeben. Zwischen 1940-1944 wurden in Uerdingen in Summe 3881t Adamsit hergestellt.4

1945 Produktionsanlagen wurden demontiert, Patente und Warenzeichen beschlagnahmt

Der seit 1938 in Uerdingen als Werksleiter und 1943 als Direktor der I.G. Farben Niederrheingruppe tätige Dr. Ulrich Haberland arbeitete unter der Aufsicht der britischen Militärverwaltung im Werk Uerdingen weiter. Da keine schriftlichen Dokumente zu seiner Ernennung in den Vorstand der I.G. Farben gefunden wurden, erfolgte keine Verurteilung Haberlands beim folgenden Nürnberger I.G. Farben Prozess. Haberland blieb weiterhin der Leiter der niederrheinischen I.G. Farben Werke.

1947 I.G. Farben-Prozess

Im April 1945 wurde Fritz ter Meer vom amerikanischen Militär inhaftiert und 1948 im Rahmen der auf die Nürnberger Kriegsverbrecher Prozesse folgenden I.G. Farben-Prozesse gegen die Führung der I.G. Farben angeklagt und als Kriegsverbrecher verurteilt. Aus der Haft wurde er 1952 wegen „guter Führung“ vorzeitig entlassen. Siehe auch Fritz ter Meer im III. Reich

1948 Entflechtung der I.G. Farben

Nach Kriegsende begann die Entflechtung der IG Farben AG durch die Alliierte Hohe Kommission. Die Abwicklung der I.G. Farben sollte bis in das Jahr 2002 dauern, die überlebenden Opfer mussten jahrelang um Entschädigung kämpfen und erhielten nur kleine Summen als Wiedergutmachung.

Bereits seit Herbst 1948 arbeitete das Bipartite I. G. Farben Control Office (BIFCO) konkrete Pläne zur Zerschlagung des ehemaligen Teerfarbenkonzerns für die Alliierte Hohe Kommission aus. Diese zielten auf eine Dekartellisierung und Zersplitterung der I.G. Werke in rund 50 einzelne Unternehmen ab. Der BIFCO– Bericht von 1949 forderte dem entsprechend die Trennung des Werks in Uerdingen, von dem in Leverkusen.

Bundeskanzler Konrad Adenauer und Dr. Ulrich Haberland intervenierten und setzten sich, im Schulterschluss mit den Arbeitnehmern der Werke und den Gewerkschaften, mit dem Argument einer nicht gegebenen Überlebensfähigkeit der einzelnen Niederrhein Werke, gegen die Alliierte Hohe Kommission durch.

Nach Überarbeitungen stelle ein neues Gutachten fest, dass das Werk in Uerdingen mit den dort vorhandenen Produktionsanlagen nicht mehr selbst überlebensfähig sei: Eine Trennen der Werke würde für Uerdingen nur durch erhebliche Investitionen in dortige neue Anlagenteile möglich sein, da Rohstoffe wie der für die Anilin Produktion erforderliche Substanzen aus Leverkusen nach Uerdingen geliefert werden würden und umgekehrt das Werk Leverkusen der wichtigste Abnehmer der Uerdinger Produktion sei.

1951 Farbenfabriken Bayer AG

Am 19. Dezember 1951 wurden im Zuge der Auflösung der I.G. Farben mehrere neue Einzelunternehmen gegründet, darunter die Farbenfabriken Bayer A.G. mit den Werken Leverkusen, WuppertalElberfeld, Dormagen und Uerdingen.

Nach der Entflechtung der I.G. Farben wurde der Leiter der Niederrhein Gruppe Dr. Ulrich Haberland zum Vorstandsvorsitzenden der Bayer AG ernannt und behielt diese Position bis zu seinem Tod 1961 inne.

1955 Fritz ter Meer Aufsichtsratsmitglied der Bayer AG

Nach der Entlassung aus der Haft 1952 wurde Fritz ter Meer 1955 in den Aufsichtsrat der Farbenfabrik Bayer AG gewählt, dessen Vorsitz er 1956-64 innehatte. Nach dem Ausscheiden aus der Gesellschaft wurde er zum Ehrenvorsitzenden ernannt.

In Uerdingen führten in den späten 1990er Jahren geschichtliche Auseinandersetzungen der Elternschaft der städtischen „Ter Meer Schule“ zu einer Umbenennung in „Edmund Ter Meer Schule“. Auch die „Ter Meer Straße“ und der Name der Ter Meer Siedlung war bereits in Diskussion. Eine Umbenennung ist bisher nicht erfolgt.

Bayer Vereine in Uerdingen

Das Werk unterstützte in Uerdingen recht schnell 12 Vereine, darunter Gesangverein, Schachverein, Fotoclub, Orchester sowie Sportvereine aller Sparten wie Leichtathletik, Fußball, Schwimmen, Rudern, Kanu, Reiten und Tennis. Ein eigenes Sportstadion am Löschenhofweg diente dem Lehrlingssport und den Vereinen.

1951 Beginn der Bayer Sportförderung

Anders als bei der Farbenfabrik Bayer in Leverkusen, sind für Uerdingen bisher keine systematischen Untersuchungen zur auch hier bedeutenden Sportförderungen bekannt.

Seit 1951 sind für das Werk Uerdingen insbesondere zwei Vereine dokumentiert: der 1908 gegründete Uerdinger Schwimmverein 08 vereinbarte die Zusammenarbeit mit der Bayer AG, wurde zuerst in USV Bayer 08 später dann zum SV Bayer Uerdingen 08. Der Verein ist heute der mitgliederreichste deutsche Schwimmvereine. Siehe Vereinschronik

Der 1905 gegründete Fussballverein FC Uerdingen 05 fusionierte 1953 mit den Uerdinger Werkssportgruppen der Bayer AG und hieß fortan FC Bayer Uerdingen 05.

Den Fußballern der ersten Mannschaft von „Bayer 05“ gelang in den folgenden Dekaden mehrfach der Aufstieg. 1985 gewannen die Uerdinger den DFB-Pokal. Spektakulärster und legendärer Erfolg war jedoch das 7:3 gegen Dynamo Dresden im Viertelfinale des Europapokals der Pokalsieger.

Am 19. März 1986 konnte nach aussichtslosem Rückstand, in der zweiten Spielhälfte das Spiel und Ergebnis gedreht werden. Das Spiel ist in die Fußball Geschichtsschreibung als das Wunder von der Grotenburg eingegangen und noch heute starkes Identifikationsmerkmal für Uerdingen.

1956 Bayer Werkswohnungssiedlung entsteht in der Gartenstadt

Am 20. Januar 1956 wurde in der Flugplatzsiedlung auf dem ehemaligen Flugfeld Krefelds der Grundstein zu den Bayer Häuser der Gemeinnützigen Wohnungsbau Gesellschaft Leverkusen GeWoGe gelegt. Mehr lesen: Wohnsiedlungen Gartenstadt

Knolle B, Bayer GeWoGe Werkswohnungen

Von Bayer werden in der Siedlung 202 Werkswohnungen und 52 Eigenheime erbaut.

1953 Polycarbonat

Der Chemiker Dr. Hermann Schnell entdeckt im Werk Uerdingen eine chemische Reaktion, die die Herstellung eines neuen Kunststoffs ermöglichte. Der Markenname des Kunststoffs Makrolon wird am 2. April 1955 eingetragen und das Polycarbonat wird heute in zahlreichen Anwendungsbereichen verwendet.

1957 erhebliche Vergrößerung des Uerdinger Werks beginnt

Karte: Rittersitz Haus Dreven, Ländereien, Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, Karte R RW 03002

Ende der 50er Jahre sind rund 8000 Arbeiter und Angestellte im Bayer Werk Uerdingen beschäftigt. Das Werk vergrößerte sich weiter.

Im Frühjahr des Jahres 1957 wurde dazu die Wasserburg Rittersitz Haus Dreven, vermutlich aus dem mittleren 13. Jahrhundert stammend, nach Sonder-Entscheidung des damaligen nordrhein-westfälischen Kultusministers, eingeebnet.

Das Bayer Werk Uerdingen erbaute an dieser Stelle eine Großanlage für die Herstellung von weißem Titandioxyd.

Im Jahr 1962 wird auch die seit 1907 als Werkswohnsiedlung an der östlichen Friedensstraße und Liebigstraße (heute verschwunden) entstandene und sogenannte Meistersiedlung, sowie das ehemalige Ledigenwohnheim abgerissen und durch Werksanlagen überbaut.

Chemieindustrie in den 70er Jahren

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dessen Zerstörungen standen Umweltprobleme weder auf politischer noch auf der unternehmerischer Ebene im Vordergrund. Ganz anders als in vielen amerikanischen Städten, wo bereits heftige Debatten über die Luft- und Wasserverschmutzung geführt wurden, musste sich die deutsche Gesellschaft erst einmal mit dem Wiederaufbau der bombardierten Städte beschäftigen, den Millionen Vertriebener die neue Wohnorte benötigten.

Gerade die chemische Industrie wurde in dieser schwierigen Zeit eine der wichtigsten Träger des wirtschaftlichen Wiederaufbaus. Umweltverschmutzung wurde dabei als notwendiges Übel von der Bevölkerung und auch den damit direkt, oder indirekt betroffenen Nachbarn akzeptiert.

Der Umsatz der Bayer AG betrug 2,8 Milliarden DM im Jahr 1960, die Gesamtausgaben der Umweltmaßnahmen der Bayer Werke betrugen im Jahr 1963 nur 23 Millionen DM und im Jahr 1970 nur 91 Millionen DM.

In den Ortschaften um die Werke war eine starke Verbindung der Einwohner mit den Werken, als deren unmittelbare Arbeitgeber, oder den Arbeitsstellen in einem der regionalen Zulieferbetriebe gegeben.

Für die Frühzeit des Werks in Uerdingen ist bisher auch nicht bekannt ob dort eine vergleichbare Einrichtung, wie die 1901 eingerichtete „Abwasser Commission“6 im Leverkusener Bayer Werk, existiert hat. Dort wurde dem Abwasserproblem, ausgelöst durch die Proteste der unterhalb des Werks aktiven Fischer, zwar mit der Einrichtung jener Commission begegnet, aber das Abwasser nun nicht wesentlich gereinigt, sondern es wurden letztendlich sämtliche Fischereilizenzen durch das Werk aufgekauft.

Dennoch stiegen nun die Auswirkungen für die Anwohner erheblich. Für Uerdingen ist bisher noch unbekannt, wie oft und in welcher Intensität das Werk mit Beschwerden angegangen wurde. Hier spielte sicherlich der von Edmund ter Meer zur Gründung gewählte Standort fernab der Stadt eine Rolle und die hier vorherrschende Windrichtung weg von Uerdingen, Bockum und Krefeld.

Im Rhein war jedenfalls unterhalb der Werke ein umfangreiches Farbenspiel zu sehen. Auch hier ist das Uerdinger Werk, unterhalb des Ortsteils Krefeld-Uerdingen weniger in den Fokus der Behörden geraten. Währen die Brühen aus Leverkusen noch in Düsseldorf wahrzunehmen waren, folgen unterhalb Uerdingens einige Kilometer keine wesentlichen Ortschaften aber schnell das erste einer ganzen Reihe von Hüttenwerken, die ebenso ihre Abwässer einleiteten.

Die Behörden waren zuerst auch gar nicht in der Lage selbst Proben zu analysieren. So kam es, dass auffällige Wasserproben des Rheins zwar amtlich durch die Wasserschutzpolizei genommen wurden, dann aber den Labors der Bayer AG zur Auswertung überlassen werden mussten.

1960 berichtete die bei Bayer 1954 eingerichtete AWALU (Labor zur Untersuchung von Abwasser und Abluft) intern einem der Top-Manager, dass die Beschwerden alarmierend zugenommen hätten und argumentierte, dass es nun nicht mehr ausreichen könnte einfach weiterhin zu behaupten, dass die Umweltverschmutzung unvermeidbar sei. Allerdings hatten die Manager der Werke nun Schwierigkeiten, sich innerhalb ihrer eigenen Belegschaft für höheres Umweltbewusstsein durchzusetzen.

Doch der Druck stieg, Chemie-Konzerne wie die Bayer AG bekamen nun ein zunehmendes negatives Image. Dazu trugen erheblich die nun immer wieder bekannt werdenden Umweltskandale am Rhein bei.

Die Bayer Sportförderung wurde in diesem Zusammenhang zu einer der Konzernstrategien für die Öffentlichkeitsarbeit, das Image des Chemiekonzerns sollte durch das positive Image des Sports beeinflusst werden.


Quelle: Krause Grafik, Axel Krause – Öffentlichkeitsarbeit des SV Bayer Uerdingen 08, CC BY-SA 3.0, Link

Alle Vereine die eine Sportförderung des Konzerns genossen, mussten sich in der Öffentlichkeit mit einem einheitlichen Erscheinungsbild präsentieren. Dazu zählte, dass die Aussendarstellung des Vereins der Corporate Identity der Bayer AG entsprechen sollte. Trikots, Bandenwerbung, Vereinsname trug das Bayer-Kreuz, die Vereinsfarbe und ein Tätigkeitspiktogramm.

Noch im Jahr 2015 unterstützte der Bayer Konzern an den Standorten Leverkusen, Dormagen, Wuppertal und Krefeld-Uerdingen insgesamt 58 Sport-, Hobby- und Kulturvereine mit rund 50.000 Mitgliedern.


1961 Bayer Casino

1961 wird das Angestellten Speisehauses Bayer Casino und 1969 das 11 stöckige Hochaus der Ingenieur- Verwaltung des Werks durch das Architekturbüro Hentrich, Petschnigg und Partner (HPP), gegenüber der zu Krefeld-Uerdingen gehörenden Ortschaft Hohenbudberg erbaut.

1967 das Dorf Hohenbudberg weicht der Erweiterung des Chemiewerks

Ausschnitt Karte: Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, Karte R RW 04177

Von 1967 bis 1978 kaufte die Bayer AG nach und nach alle Grundstücke Ortschaft Hohenbudberg vollständig auf. Dort wohnten zuvor rund 2000 Menschen.

Sämtliche Häuser wurden durch Werksanlagen überbaut. Erhalten blieb nur ein einzelnes historisches Wohnhaus und die älteste Kirche Krefelds, die römisch-katholische Kirche St. Matthias aus dem Jahr 1150. 

1970-80er Umweltschutz in Krefeld-Uerdingen

Der öffentliche Druck auf Politiker, die von Ihren Wählern nun eingeschärft bekamen, endlich etwas gegen die Umweltverschmutzung zu tun, die die Werke für schaumige Flüsse und schlechte Gerüche verantwortlich machten, sollte für den Bayer Konzern wie auch für andere Chemiewerke, eines der wichtigsten Zukunfts-Themen werden.

Chemiewerke hatten bisher kaum, oder wie in Uerdingen der Fall, gar keine Abwasserreinigungsanlagen. In der 1970 erschienenen Ausgabe 38 des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL war im Artikel Der Rhein zwischen Basel und Duisburg getitelt worden: „Sollen wir den Generaldirektor einsperren?“ und „…die Farbenfabriken Bayer am Rhein färben fleißig: Rot, blau und grau treiben ihre Abwässer ins Flußbett. Die Konzerne errichten nun zwar, unter dem Druck des Gesetzgebers, auch Kläranlagen…“

Daher attestiert der SPIEGEL beim Rheinkilometer 766 auf Höhe des Bayer Werks und Krefeld-Uerdingens: „Im Rheinwasser sind erhebliche Mengen an Öl- und Fettschlieren, ferner Gemüsereste und Fäkalien vorhanden.Link zum Artikel

Rückblickend schreibt der Konzern in „Meilensteine, 125 Jahre Bayer 1863-1988“ im Kapitel Umweltschutz gehört zu Bayer: „In den ersten Nachkriegsjahren suchten sich die Menschen in Europa möglichst schnell für die Entbehrungen der Kriegsjahre zu entschädigen. Die Industrie mußte produzieren, viel und schnell. Dies entsprach dem ausdrücklichen Wunsch aller.

1972 Kunst macht auf die Zustände in ganz Krefeld aufmerksam

Der Konzeptkünstler Hans Haacke weist in der in Krefeld gezeigten Installation auf die enorme Umweltverschmutzung des Rheins aus Krefeld hin.

Die Rhinewater Purification Plant wurde in der ehemaligen Fabrikantenvilla von Hans Lange, nun in Gebrauch als Kunstmuseum, installiert und zeigte mit den Materialien kontaminiertes Wasser, das normalerweise im Rhein landen würde, ein transparentes Reinigungssystem, Goldfisch, in Summe der ästhetische Aufbau einer Kläranlage, die aber in Krefeld fehlte.

Die mahnende Installation war ihrer Zeit weit voraus und gab einer ganzen Reihe anderer Künstler Impulse, ihre Rolle bei der Auseinandersetzung mit Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit zu finden. 

Im Gespräch erklärte Haacke rückblickend: „In 1972, the City of Krefeld poured about 11 billion gallons of untreated wastewater into the Rhine. As part of a large triptych in my installation, I listed all contributors to this mess, including the number of gallons of their respective contribution. The largest polluter was a factory situated right on the Rhine that was part of the giant Bayer group of corporations.

Siehe SFAQ / NYAQ / LXAQ INTERNATIONAL ART AND CULTURE
http://sfaq.us/2016/06/hans-haacke-in-conversation-with-terri-cohn/

Das Krefeld Sewage Triptych stellte die Rhinewater Purification Plant Installation in den Kontext der enormen Abwassermengen der Stadt, die ungefiltert in den Rhein liefen. Zentral war ein Foto, auf dem der dreckige Rhein mit Möwen und im Hintergrund eine Fabrik zu sehen war, rechts und links die Mengen eingeleiteter Abwässer die 1971 in Krefeld in den Rhein liefen.

Darunter das Bayer Werk als der größte Einleiter, in Relation: der 20fachen Abwassermenge aller Einwohner der Stadt Krefeld.

Absetzbare Stoffe die in den Rhein eingeleitet wurden 14600 t
Gelöste Stoffe die in den Rhein eingeleitet wurden 7500 t
Einwohner der Stadt Krefeld 1971: 215.000 9.000.000 cbm
Farbenfabrik Bayer AG Uerdingen164.250.000 cbm

Siehe: Ecology and Economics in the Art of Hans Haacke: In what ways do ecology and economics interrelate in Hans Haacke’s work from the 1960s onwards? von Giulia Gentili, University of Edinburgh und Film des Zentralinstitut für Kunstgeschichte München

1973 Gesetzesentwurf zum Abwasserabgabengesetz

Nach erheblichem öffentlichen Druck, einem „Rhein-Gutachten“, sich verstärkenden Protesten der Umweltschutz- Organisationen, reagierte die Bundesregierung 1973 und formulierte erstmals einen Gesetzesentwurf für das „Gesetz über Abgaben für das Einleiten von Abwasser in Gewässer“ (Abwasserabgabengesetz – AbwAG). Das Gesetz sollte die Pflicht zur Zahlung von Abgaben für das Einleiten von Abwasser (Schmutzwasser, Niederschlagswasser) in Gewässer regeln. Das Einleiten von schmutzigem oder gar ungereinigtem Abwasser würde nun sehr teuer werden. 

Die Kommunen und die Industrie mussten nun rasch reagieren und entweder bestehende Kläranlage deutlich verbessern, oder falls noch keine Anlage bestand, diese sehr schnell einrichten. Ansonsten drohten jährlich Millionen Ausgaben für die Einleitung von unbehandeltem Abwasser. Das Gesetz ist am 1. Januar 1978 inkraft getreten.

1975 geht die erste Kläranlage des Bayer-Werks in Betrieb

Der Bayer Konzern hatte bereits auf die sich Jahre zuvor anbahnenden Diskussionen zur Gesetzesvorlage des AbwAG reagiert und 1971 seine erste Kläranlage in Leverkusen in Betrieb genommen. Die Anlage in Uerdingen sollte darauf folgen.

Die Stadt Krefeld hatte seit 1962 kein Klärwerk mehr in Betrieb wollte nun in Hohenbudberg das neue Klärwerk bauen, doch jener Platz wurde dann durch das Chemiewerk belegt.

Hintergrund: Das heute als Industriedenkmal erhaltene erste Klärwerk der Stadt Krefeld war 1962 technisch veraltet und in den verdienten Ruhestand verabschiedet worden. Ein neues Klärwerk sollte ursprünglich an gleicher Stelle entstehen.

Dies war technisch, mit biologischer Abwasserreinigung und den damit verbundenen Becken, am alten Standort in Uerdingen am Rundweg, einerseits aufgrund von Platzmangel und anderseits aufgrund der erheblichen Geruchbelastung einer großen Kläranlage so nicht mehr möglich. Die Standortsuche lief weiter.

Printanzeige zum Klärwerk

Als das Bayer Werk die erste Kläranlage bauen wollte, wurde das Gelände in Hohenbudberg erworben, und 1975 erstmals die Reinigung der bis zu 20 Millionen Liter Abwasser des Werks pro Tag vorgenommen.

Da der Standort Hohenbudberg belegt war, musste die Stadt Krefeld, fern ab vom Rhein, das neue Klärwerk am Elfrather-See errichten. Dieses ging 1980 in den ersten Teilbetrieb mit einer Rechenanlage, doch erst Jahre später konnte dort eine biologische Reinigung erstmals in Betrieb genommen werden. Neben dem kommunalen Klärwerk entstand eine Klärschlamm- und Müllverbrennungsanlage.

Das am Elffacher See gereinigte Abwasser wird nun mit Pumpen bis zum Rhein gefördert und an der alten Einlasstelle des ersten Klärwerks bei Uerdingen, nahe der Ölfabrik Holtz und Willemsen, in den Rhein abgegeben.

1977 10.000 Mitarbeiter und 1000 Produkte

Mittlerweile wurden in Uerdingen über 1000 Produkte hergestellt, von Eisenoxidpigmenten über Konservierungsmittel, Kunststoffen bis hin zu Klebstoffen. Die Anzahl der Mitarbeiter lag bei rund 10.000 Menschen.

Chemieunfälle am Rhein

Nach dem Sandoz-Großbrand bei Basel am 1. November 1986 floss eine Welle des giftigen mit Pestiziden belastetes Löschwassers entlang des Rheins zur Nordsee. Wenig später ereignete sich bei der BASF in Ludwigshafen ein Störfall mit 2000t Herbiziden.

Am 25. November 1986 gelangten in Uerdingen mindestens 100 kg des giftigen Stoffes Chlormetakresol in den Rhein. Dieser Störfall im Bayer Chemiewerk wurde nur durch Zufall öffentlich. Denn Mitarbeiter des Staatlichen Amtes für Wasser- und Abfall Wirtschaft hatten an diesem Tag zufällig Proben aus dem Rhein genommen.

Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen folgten umgehend, die Polizei verhörte den damaligen Werksleiter Dr. Friedrich Haas und weitere Mitarbeiter im Werk. Die Untersuchungen wurden allerdings eingestellt, da keine für eine Anklage erforderliche schuldige Person ermittelt werden konnte.

Am 07. Februar 1987 beschwerten sich die Bürger in Mündelheim und Duisburg
über scharfen Gestank. Im Werk war Chlorkresol entwichen und trieb in einer Wolke nach Osten.

Am 11. September 1987 gelangten erneut 650kg Chlorkresol und weitere 900kg unchlorierte Kresole in den Rhein. Ursache war diesmal ein Störfall im Uerdinger Alkylier-Betrieb.

Am 19. November 1987 tagte der Umweltaus­schuss des Rates der Stadt Krefeld zum Thema Chlormetakresol im Bayer-Casino in Uerdingen. Werksleiter Dr. Friedrich Haas be­richtete dort, dass das Uerdinger Werk täglich 8t Abwässer in den Rhein einleite. Die Ursache für den letzten Störfall seien Löcher im Kühlkreislauf.

1987 sind in den fünf Bayer Werken insgesamt 88.628 Mitarbeiter beschäftigt.

1995 Ende der Fußball Profi-Fussball Förderung in Uerdingen

1995 gab die Bayer AG die Einstellung der Förderung des FC Bayer Uerdingen 05 Bundesliga Fussballbetriebs bekannt und konzentrierte sich auf die Leverkusener Bundesliga Mannschaft. Die professionelle Fußballabteilung ist in den KFC Uerdingen 05 übergegangen, der übrige Breitensport ist seit dem der SC Bayer 05 Uerdingen.

2008 wurden bei den Bundesliga-Teams im Basketball, Volleyball und Handball, sowie in der Leichtathletik Mittel gekürzt, die Begründung lautete, die Werbewirksamkeit sei nicht mehr gegeben.

2011 veränderte Bayer die Sportförderung aller Niederrhein- Standorte erneut und konzentrierte sich im Rahmen eines „Drei-Jahres-Plans“ auf sechs Breitensport- Großvereine. In Uerdingen verblieben vorerst der SV Bayer Uerdingen 08 und der SC Bayer 05 Uerdingen in der Förderung erhalten. Später übernahmen andere Spinnoff-Marken der Bayer AG die Förderungen.

Den kleineren Vereinen wurde nahegelegt, mit anderen Vereine zu Kooperieren oder als Abteilung in einem der Großvereinen aufzugehen. Als Begründung wurde angegeben, die Anzahl der Bayer-Mitarbeiter in den Sportvereinen sei teilweise auf unter 20% zurückgegangenen.

1990 Baywoge verkauft in Krefeld rund 1600 Wohnungen

Die Bayer Wohnungsbaugesellschaft Baywoge verkauft ihre rund 1.600 Wohnungen in Krefeld, Bockum und Uerdingen, dessen größte Teil des Bestandes sich in Krefeld-Gartenstadt befindet, an die THS (Treuhandstelle GmbH) in Essen. Die THS ist 2012 in Vivawest übergegangen.

2002 Bayer beginnt den Konzernumbau auch in Uerdingen

Die Bayer AG begann 2002, zeitgleich zum 125-jährigen Jubiläum des Werks in Uerdingen, mit der Umstrukturierung und der Ausgliederung von Unternehmensbereichen, deren Auswirkungen auch das Uerdinger Werk betreffen sollten.

Die Bayer-Belegschaft des Werks betrug zu diesem Zeitung rund 6000 Mitarbeiter.

Im November 2004 fand eine außerordentliche Hauptversammlung der Bayer AG statt, bei der annähernd die gesamte anwesende Kapitalseite für eine Abspaltung weiter Teile der Chemieaktivitäten und etwa einem Drittel der Polymer Sparte der Bayer AG in die neu gegründete Aktiengesellschaft Lanxess stimmte. Dies betraf in Uerdingen, als den zweitgrößten Produktionsstandort, über 1.700 Mitarbeiter.

2003 kauft das Bayer Werk die Friedensstraße der Stadt Krefeld ab

Die Friedensstraße stellte die historische Ost-West Verbindung zwischen Hohenbudberg und Krefeld dar. Ursprünglich hieß dieser Weg „Holzgasse“. Im Jahr 2003 wurde die Friedensstraße in das Bayer Werksgelände integriert und ist nur nicht für Werksangehörige befahrbar.

Die Straße war auch nach der Werkserweiterung der späten 1950er Jahre nach Norden, siehe „Haus Dreven“, erhalten geblieben. Rechts und links der Straße fuhr man seit dem mitten durch das Chemiewerk. Bis heute ist die Straße erhalten geblieben, sie dient heute aber nur dem internen Werksverkehr.

2006 Projekt eines 750MW Steinkohle Kraftwerks

Bei der Planung des ursprünglich mit Steinkohlefeuerung geplanten Kraftwerks auf dem Werksgelände in Uerdingen stieß das 1999 als Gemeinschaftsunternehmen von Stadtwerken, kommunalen und regionalen Versorgungsunternehmen gegründete Unternehmen Trianel auf deutlichen Widerstand seitens lokaler Bürgerinitiativen und des Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND).

Das Kraftwerk sollte durch Currenta, den Betreiber des Chemiewerks, genutzt und bedient werden. Die Landesregierung unterstützte das Vorhaben, der Krefelder Stadtrat lehnte allerdings 2007 ab, gab aber 2009 die Zustimmung zum Projekt. Das Einwendungsverfahren, an dem sich rund 23 000 Personen beteiligten, zeigte unter anderm die Kritik an der Steinkohle als Energieträger.

Unter hohem öffentlichen Druck weiterer juristischer Auseinandersetzungen, den daraus erheblich gestiegenen wirtschaftlichen Risiken, wurden die Pläne in ein Gas- und Dampfturbinenkraftwerk geändert, welches allerdings bisher nicht gebaut wurde.

2007 Markennamen ChemPark, Currenta, Covestro eingetragen

Die bereits 2002 begonnen Umstrukturierung des Bayer AG Konzerns mit sukzessive und in dichter Folge mehrfacher Umfirmierungen, Out-Sourcings, Verkäufen, begonnen mit dem Unternehmensteil Lanxess der bereits 2004 eigenständig wurde, setzten sich mit neuen Markennamen und nun eigenständige Unternehmen für Sparten oder Werksteile fort. Es entstanden die Marken und Unternehmensteile Currenta, Covestro, Chempark.

2009 Kohlenstoffmonoxid-Pipline

Die 67km lange Pipeline sollte dem Transport von Kohlenstoffmonoxid (CO), das im Chemiestandort Dormagen als Nebenprodukt entsteht, zum Chemiestandort Uerdingen dienen.

Nach Bürgerprotesten bei der es um die Kritik an der Vergiftungsgefahr durch das toxische CO ging, den Wechsel der Landesregierung und Klagen gegen das Projekt, ist die 2009 fertiggestellte Pipeline bisher nicht in Betrieb gegangen.

2015 Beleuchtung des Bayer Kreuz in Uerdingen wird abgeschaltet

Das Bayer-Kreuz stand seit 1963 auf dem Dach eines Werksgebäudes und hatte einen Durchmesser von über 20 Metern. Nachts wurde es mittels Leuchtstoffröhren beleuchtet und war aus mehreren Kilometern Entfernung zu sehen. Das Bayer-Kreuz in Uerdingen war allerdings bedeutend kleiner als das bereits 1953 am Werk in Leverkusen zwischen Schornsteinen aufgespannte Leuchtschild, mit 51 Metern Durchmesser.

Da die Bayer AG zuvor die Eigenständigkeit der Marke und des Unternehmensteils Covestro, der ehemaligen Kunststoffsparte, bekannt gegeben hatte, wurde im November 2015 die Stromversorgung des Uerdinger Bayer-Kreuzes unterbrochen, 2016 wurde das Kreuz demontiert.

Abbau des Bayer-Kreuzes – Ende eines Uerdinger Wahrzeichens. © Edgar Droste-Orlowski

2020 Abriss Bayer Casino

Nachdem bereits am 09.08.2013 ein Abrissantrag für das werksintern als Gebäude R 55 bezeichnete Bayer Casino gestellt wurde, dieses umgehend am 21.08.2013 unter vorläufigen Denkmalschutz gestellt war, anschließend ein positives Gutachten zum Denkmalwert erstellt wurde, erfolgte ein Gerichtsstreit. In einem umstrittenen Urteil bekam das Werk die Erlaubnis, das Gebäude abzureissen.

Ende 2020 sind die letzten Reste der ehemaligen Angestellten- Speiseanstalt planiert und zur Wiese umgestaltet worden.

Ende des Markennamens Bayer in Uerdingen

Im Jahr 2020 wurde der Verkauf des gesamten Werksgeländes und des Unternehmensteils Currenta an das australische Investmentbanking- und Wertpapierhandelsunternehmen Macquarie bekannt.

In Uerdingen endete damit nach 104 Jahren, die 1916 begonnene Zusammenarbeit in Uerdingen, mit dem Rückzug des Markenamens Bayer.

2021 Chemiewerk in Uerdingen

Das mittlerweile 260 Hektar große Areal das unter dem Markennamen Chempark in Uerdingen firmiert, ist laut Angaben der Betreibergesellschaft Currenta der weltgrößte Produktionsstandort von anorganischen Pigmenten.

Eines der bekanntesten hier hergestellten Chemieprodukte ist Polycarbonat, das unter dem Markennamen Makrolon vertrieben wird. Im Chemiewerk werden Polyurethane, Polyamide, Adipinsäure, Farbpigmente sowie Zwischenprodukte für Pflanzenschutzmittel, Geruchs- und Geschmacksstoffe in 40 Betrieben hergestellt.

Im Chemiewerk arbeiten mehr als 8.600 Mitarbeiter.

https://www.currenta.de
https://www.chempark.de


Quellen:
1 zur Produktion der Sprengstoff Stabilisatoren Centralit I und II im Ersten- bis Zweiten Weltkrieg in Uerdingen: Umweltrelevanz pulvertypischer Verbindungen auf Rüstungsaltstandorten, T. Bausinger, A. Schwendner, Altlastenspektrum Nr. 27, 2018

2 Es begann mit Anilin: Organische Zwischen­produkte und anorganische Chemikalien bei den Chemischen Fabriken vorm. Weiler-ter Meer und ihren Vorgängerfirmen in Köln und Uerdingen, Dr. Wolfgang Scheinert, Mitteilungen Gesellschaft Deutscher Chemiker / Fachgruppe Geschichte der Chemie, Frankfurt/Main, Band 24, 2014

3 Combined Intelligence Objectives Sub-Committee (C.I.O.S.) Report XXVII-80, Supreme Headquarters Allied Expeditionary Force. G-2 (Intelligence) Division. Operational Intelligence Sub-Division. 2/13/1944-7/14/1945

4 Preuss, Johannes and Ulrich Schneider. 2005. Rüstungsaltlasten in Deutschland. In Boden gut gemacht. Die Sanierung des Rüstungsaltstandortes Stadtallendorf, ed. Hessisches Ministerium für Umwelt. Wiesbaden: Hessisches Ministerium für Umwelt, 21–63.

5 Die Entwicklung des Sports in Leverkusen. Eine historische Analyse von 1880–2015, Dissertation, Köln, Fabian Böcker, 2016

6 Werks Kläranlage Leverkusen, Currenta, Stand: März 2010
http://www.chempark.com/tl_files/currenta/medien/currenta/downloads/pdf/CUR_Klaeranlage_d.pdf

7 Nitroglycerin und Nitroglycerinsprengstoffe (Dynamite): mit besonderer Berücksichtigung der dem Nitroglycerin verwandten und homologen Salpetersäureester, Phokion Naoúm, Heidelberg, 1924

Weitere Quellen:

Mitteilungen, Gesellschaft Deutscher Chemiker / Fachgruppe Geschichte der Chemie (Frankfurt/Main), Dr. Wolfgang Scheinert, Bd 20 (2009)

Mitteilungen, Gesellschaft Deutscher Chemiker / Fachgruppe Geschichte der Chemie (Frankfurt/Main), Peter J.T. Morris, Bd 5 (1991)

IG Farben Prozess Nürnberg, Protokolle und Unterlagen

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