Krefelds suburbane Siedlungsformen und die Gartenstadt

Mit der Gartenstadt und Elfrath sind zwei für Krefeld einzigartige suburbane Großsiedlungen entstanden. Zu ihrer Entstehungsgeschichte und zum Namen „Krefeld-Gartenstadt“ trugen einige bemerkenswerte Entwicklungen der Siedlungsarchitektur bei. Angefangen bei den Ideen einer Villenkolonie, über die Gartenstadt Bewegung, die suburbane automobile Dezentralisierung der USA, die Nachkriegszeit mit einer fast vergessenen Versuchssiedlung und schließlich der Bau der Großsiedlung Gartenstadt und danach der Großsiedlung Elfrath.

Sehenswert sind alle genannten Siedlungen, sowohl aus ihrer spannenden Baugeschichte heraus, aber auch durch ihre architektonischen Entwürfe und das Siedlungslayout.

Geschichte und Hintergrund


Erste Villensiedlungen

Die zugrundeliegende Ideen von Stadtplanern der Moderne für „Gartenstadt“ Siedlungen entstand bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts, zuerst als die Anlage von Villensiedlungen in Landschaftsparks.

Eines der ersten Vorbilder war die um 1877 erbaute Villenkolonie für die gehobene Mittelklasse und Besserbetuchte in Bedford Park, rund 20 Kilometer vor London. Siehe https://www.bedfordpark.org.uk/suburb/

Map Bedford Park, Quelle: https://www.bedfordpark.org.uk/suburb/

Diese neuartigen Villensiedlungen in England wurden als ein zusammenhängendes Gebilde geplant. Der Grund für die außerhalb der Stadtzentren gelegenen Siedlungen waren die Ausbreitung des Eisenbahnnetzes, Grundstücke in den boomenden Städten wie London wurden unbezahlbar, mit dem Zug konnte von dort aber dennoch rasch die Stadt erreicht werden.

Von England ausgehend entstanden in der Folge Villenkolonien in ganz Europa, sie wurden meist in parkartigen Anlage geplant, Grünflächen und das Wohnen in der Natur sollten die neue Identität des Ortes herstellen und waren das zentrale Argument für die Werbung.

Erfolgreich wurden diese Villensiedlungen aber insbesondere durch den neuen Komfort der sich durch die dort reduzierbaren „Belästigungen“ der Stadt ergab: eine eigene moderne Infrastruktur, die neu zusammengestellte homogene Nachbarschaft, das ungestörte gesellschaftliche Leben unter den Ihresgleichen, der erhöhte gesellschaftliche Status.

In diesen Villensiedlungen hatte der jeweilige Investor die wesentliche und strategische Schlüsselrolle. Die Entwicklung der Siedlung musste durch geschicktes Management auch politisch durchgesetzt werden, es musste ein vorzeigbarer Plan erarbeitet werden, die Potentiale der Siedlung mussten in interessierten Kreisen inszeniert und beworben werden können.

Die suburbane Villensiedlung in Krefeld

In Krefeld entstand Ende des 18 Jahrhunderts eine solche Villensiedlung. Initiator und Investor war Wilhelm Jentges, einer der wohlhabendsten Krefelder und Sohn eines Seidenfabrikanten, ein in Krefeld bestens vernetzter und aktive Geschäftsmann und Politiker, der bis zu seinem Tod 1884 im Krefelder Osten erhebliche Ländereien aufgekauft hatte.

Karte, sumpfige Ländereien zwischen Krefeld und dem Bockumer Busch, Quelle: historisches Klärwerk

In diesen sumpfigen Bereich im Osten der Stadt sickerte das ungereinigte gesamte Abwasser aus den Stadtgräben, insbesondere das der die Seide bearbeitenden Färbereien.

Nach erheblichen Auseinandersetzungen mit den betroffenen Gemeinden des Umlands, die von den überaus stinkenden Krefelder Abwässern heimgesucht wurden, hatte die Stadt 1874 eine moderne innerstädtische Kanalisation planen lassen und begann einen Abzugskanal zum Rhein zu bauen.

Dazu wurde die Trasse der Uerdinger Straße, eine von den Franzosen unter Napoleon eingerichtete geradlinige befestigte Straße von Krefeld, über Bockum, bis Uerdingen, quer durch den Bockumer Busch genutzt.

Die Kanalisation der Stadt, Dokumentation des Klärwerks zum Tag des offenen Denkmals

Dies hatte für die am Kanal liegenden Landgemeinden allerdings ungeahnte Konsequenzen, denn deren Brunnen fielen trocken. Da der aus Ziegeln gemauerte Kanal nicht vollständig dicht war, zog er auch das Wasser aus den umliegenden Bereichen ab.

Auch die Gräben und Sümpfe im Bockumer Busch und auf den Jentges’schen Ländereien fielen dadurch trocken, der Grundwasserspiegel senkte sich nach und nach um rund drei Meter. Im Buschgraben entlang der Jentgesallee ist dies bis heute anschaulich.

Nachdem allerdings Pläne eines Stichkanals vom Rhein samt einem städtischen Hafen diesen Bereich durchkreuzen würden und dies für einigen Wirbel gesorgt hatte, aber kurze Zeit später wiederum fallen gelassen wurde, ließen seit 1887 Verantwortliche für den Grundbesitzes von Jentges die ersten Straßenzüge für das Villenviertel als Parkanlagen und Alleen anlegen.

Bismarckplatz, Animation 1884-1901

1892 wurde zur Verwaltung der Jentges’sche Grundbesitz gegründet. Die Grundstückspreise vervielfachten sich und dennoch setzte nun eine rege Bautätigkeit ein.

Nun entstanden zahlreiche Villen und Wohnhäuser des Großbürgertums mit eigenen Gärten und Parks, eingefaßt in Alleestraßen, unterbrochen durch als Landschaftsbild gestaltete Plätze.

Hohenzollernstraße, Blick Richtung Bismarckplatz im Bereich der Villa Oetker

Die Grundstücke des ursprünglich als Hohenzollernviertel, heute aber als Bismarckviertel bezeichneten Bereichs des Stadtteils Cracau sind bis heute mit Grunddienstbarkeiten belastet, an die die Eigentümer gebunden sind. Auf den nun insgesamt mehr als 250 Grundstücken in der Villen-Gartenstadt sind ruhestörende Gewerbeaktivitäten untersagt.

Die Idee einer Villenstadt war auch in Krefeld die Antwort gesellschaftlich Privilegierter auf die Veränderung des urbanen Wohnens innerhalb der vier Wälle der Stadt. Durch die Industrialisierung in Form der Mechanisierung der Seidenweberei begann die Bevölkerung stark zu wachsen, die Stadt quoll aus dem klassizistischen Rechteck weit heraus, Industriebetriebe entstanden nun in einem Ring ausserhalb der Stadt.

Bismarckplatz, Hohenzollernstraße, Siedlungszone mit früher Bebauung, ca 1901, Ausschnitt aus Karte 324, Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland

Für die wohlhabenden Gesellschaftskreise waren die gesundheitlichen, sozialen, sittlichen und auch politischen Gefahren im innerstädtischen Umfeld nunmehr kritisch beobachtet worden.

Die Villenkollonie des Siedlungsbereichs zeichnete daher eine neue soziale Distanz zum Rest der Bevölkerung aus, unerwünschte Nutzung war unterbunden, die ärmeren Bevölkerungsgruppen waren defakto schon aufgrund der Preise des Baulands ausgeschlossen.

Die im Bismarckviertel entstandenen Bauten, Straßenzüge und Plätze sind sehr sehenswert und in vielen Teilen erhalten. Der Baustile reichen weit, von Historismus bis in den Jugendstil. Siehe weiterführendes zur Geschichte des Bismarckviertels unter www.bg-bismarckviertel.de, dort ist auch ein Rundgang beschrieben. Zur Entstehungsgeschichte lesenswert ist der Aufsatz zur Brahmsstraße.

Der Erste Weltkrieg brachte bei vielen Villensiedlungen das jähe Ende der Entwicklung. In Krefeld dehnte sich die Villenbebauung jedoch noch während der Weimarer Republik erheblich weiter aus.

Bebauungsplan für Gartenstadt Villen, Alleen und Parks, 1924, Quelle: Architekturführer Krefeld, Hans Peter Schwanke, 1996

Denn 1924 legte die Jentges´sche Grundbesitz GmbH einen Bebauungsplan für die Fortsetzung des Viertels zum Stadtwald in Richtung Nordosten vor.

In den weissen Lücken des vorausgehenden Bebauungsplans im Nordosten entstand zudem 1927 noch privilegierte Häuser in riesigen Parkgrundstücken, unter anderem das des Textilfabrikanten Rudolf Oetker und seiner Frau Lilly Oetker geb. Jentges.

Haus Oetker, 1927/1928 Architekt: August Biebriche

Auch die beiden leitenden Seidenindustriellen der Verseidag, Josef Esters und Hermann Lange bauten ihre Häuser dort.

Haus Lange, im Hintergrund Haus Esters

Die zwei Villen des „Neuen Bauens“ Esters und Lange durch den damals noch jungen Architekten Mies van der Rohe um 1928 gebaut. Auch diese Häuser fügten sich nahtlos in Idee der Villenkollonie ein, haben zudem beträchtliche private Parkanlagen.

Mehr lesen:

Bürgergemeinschaft Bismarckviertel e.V.:

Geschichte des Bismarkviertels

Werkswohnungssiedlungen

Industrielle, darunter auch Bewohner der Villenkolonie, hatten zu dieser Zeit für ihre Arbeiter Wohnungsbauaktivitäten entfacht, die allerdings vorwiegend dem Expansionsdrang der eigenen Fabriken dienten. Deren erheblich steigender Bedarf an Arbeitern führte zur Erschaffung von Wohnmöglichkeit für die Werksangehörigen.

Siedlung Ter Meer

Eines der Ziele der Werks-Arbeitersiedlungen war sittsame Verhältnisse in den Werkssiedungen herzustellen, die Arbeiterschaft und deren Familien eng an die Werke zu binden, Kontrolle auszuüben und Protesten oder sozialen Unruhen vorzubeugen.

Mehrere Werkssiedlungen wurden erbaut, ein Beispiel ist die Werkssiedlung der Farbenfabriken Weiler Ter Meer in Uerdingen, die Siedlung der Krefelder Baumwollspinnerei (erhalten) auf dem Werksgelände der Spinnerei (nicht erhalten) an der heutigen Ulmenstraße, oder auch die Werkssiedlung Stahldorf des Krefelder Stahlwerks.

Neben der Entstehung der Werkssiedlungen in unmittelbarer Fabriknähe, der damit einhergehenden räumlichen Distanz zu Stadt, kamen ausgehend von England die Ideen der Gartenstadt auf.

Gartenstadt Idee

1898 entstand das Buch „Tomorrow“ des Engländers Ebenezer Howard, 1902 erschien die Neuauflage unter dem Titel „Garden Cities of Tomorrow„.

Schon zwei Jahre zuvor hatte 1896 Theodor Fritsch im Buch „Die Stadt der Zukunft“ eine allerdings völkische Version der Gartenstadt propagiert, in der er seine antisemitische und reaktionäre Überzeugung propagierte, u.A. eine „Rückkehr zur Erde“ forderte. Sein Buch fand keinen Anklang.

Anders aber Howards Garden Cities of Tomorrow. Denn das rasante unkontrollierte Wachstums neuer Stadtviertel im Zuge der Industrialisierung, die weitere Verdichtung im schon beengten Stadtinneren die zur Bildung von Slums führte, wurde von ihm die Idee gegenübergestellt Städte im grünen Umland neu zu gründen. Sie sollten architektonisch und wirtschaftlich eigenständige, geplante und geordnete neue Orte werden.

Garden Cities of To-Morrow, Ebenezer Howard, Group of slumless smokeless cities

Howards Publikationen und Idee einer group of slumless smokeless cities erregte in England wie im restlichen Europa und in den USA erhebliches Aufsehen. Die von Howard beschriebe Struktur einer idealen Gartenstadt war kreisförmig angeordnet, um den gesellschaftlichen Treffpunkt im Kern, großen Gartenlandschaften für Freizeit und Wohnbebauung, im Äußeren umgeben von Gewerbe und Industrie, eingebettet in landwirtschaftliche Gebieten.

Grundprinzipien der Gartenstadt waren die Vorzüge der Stadt, wie Arbeit und gesellschaftliches Leben, gepaart aber mit den Vorzügen des Landes, durch das gesündere Leben dort, in einer neuen Stadt zu kombinieren. Durch genossenschaftlich organisiertes Gemeineigentum des Grund und Bodens sollte die Schere zwischen Arm und Reich verringert werden.

Durch die von Howard gegründe Garden City Association entstanden in England die ersten Gartenstädte Letchworth Garden City und die Welwyn Garden City.

In Berlin wurde 1902 für die Idee der Gartenstädte die lebens- und sozialreformerische Organisation die Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft (DGG) gegründet. In der Folge entstanden auch in Deutschland, wie auch in vielen industrialisierten Ländern Gartenstädte.

Ideale blieben aber oftmals Utopie (um einen kulturellen Kern, eigenständig, Grund und Bodenbesitz gemeinschaftlich organisiert) und setzten sich nicht vollständig durch. Immer mehr Wohnsiedlungen, Gartenvorstädte und Ergänzungen von Städten wurden nun auch als „Gartenstadt“ benannt. Übrig blieb aber als Gartenstadt der Freiraum, die Gartenlandschaft und ein stadtplanerisches Layout.

Nationalsozialistische Gartenstadt

Während der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland wurden Teile der Ideen der Gartenstadt übernommen und für eigene Zwecke eingesetzt. In Krefeld entstand um 1936 als Vorzeigeobjekt der Deutschen Arbeiterfront (DAF) die Wohnsiedlung Lindental für das Krefelder Edelstahlwerk, die eine historische dörfliche Siedlung simulierte und ursprünglich für eine ausgewählte Arbeiterschaft des damals nationalsozialistischen Musterbetriebs diente.

DAF Siedlung Lindental

Amerikanische Suburbanisierung

Um 1920 griffen auch Stadtplaner und Architekten in den Vereinigten Staaten die Idee der Gartenstadt auf und setzten in der Kombination mit der Automobilisierung der amerikanischen Gesellschaft dazu an, die Städte der USA radikal zu dezentralisieren.

Eine der in den USA gebauten Gartenstädte war insbesondere die Gartenstadt Radburn in New Jersey, die ab 1928 ausgeführt wurde.

Radburn, the town for the motor age

Vorlage für die Siedlungsplanung im Nachkriegs-Deutschland

Radburn wurde als die Stadt für das Automobilzeitalter beworben und geplant (siehe Film). Die hier erstmals ausgelebte Idee der Verknüpfung der Vorzüge einer Gartenstadt und Automobilstadt wurde zum Modell vieler Siedlungsplanung der USA und auch auch im Nachkriegs-Deutschland.

Die Geschichte von Radburn im Film

Sackgassen, Ringstraßen und Superblocks

In den USA entstanden in der Folge von Radburn nun Superblocks, isolierte, ruhige, grüne, gartenstadtartige Einheiten, mit Sackgassen (Cul de Sac) und Ringstraßen.

Der Autoverkehr wurde von Fuß- und Radverkehr getrennt. Durch die Superblocks hatte der Fuß- und Radverkehr nun ausgedient, er fand nur noch innerhalb der Blocks statt. Seit dem ist es in vielen Siedlungen der USA unmöglich geworden, von Siedlungsgebiet zu Siedlungsgebiet zu Fuß zu kommen, es sind die Durchgangsstraßen zu benutzen, welche wiederum erheblich mehr Verkehr aufnehmen mussten und in der Folge vielspurig wurden.

Durch dieses Muster entstanden nun dezentralisierte Gartenstädte, Suburbs ohne Kern und ohne Infrastrukturen innerhalb der Blocks wie Einkaufsmöglichkeit, Schule, Kindergarten. Der Schulbus und das Auto wurde zur Notwendigkeit.

Greenbelt Towns Program

Greenbelt sollte für die Gesellschaft gebaut werden und nicht nur eine Ansammlung von Häusern sein.

Das Greenbelt Towns-Programm wurde 1935 von der demokratischen US Regierung unter Franklin D. Roosevelt ins Leben gerufen, um im Rahmen des Wirtschaftsprogramms „New Deal“ während der Weltwirtschaftskrise und dem Crash der Wallstreet im Jahr 1929, die ausufernde Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, aber auch Konzepte für erschwinglichen Wohnraum zu erarbeiten.

Gebaut wurden drei Siedlungen, die bekannteste ist Greenbelt in Maryland, weitere sind Greenhills in Ohio und Greendale in Wisconsin.

Die Greenbelt Towns sollten Prinzipien für eine neue vorstädtische Stadtplanungen demonstrieren. Der Ökonom und Sozialwissenschaftler Rexford Tugwell war als Direktor der Resettlement Administration für die Siedlungen verantwortlich.

Film „The City“, mit Greenbelt / Maryland, produced for the 1939 New York World’s Fair as part of the „City of Tomorrow“ exhibit. National Film Registry by the Library of Congress

Tugwell war überzeugt davon, dass die Wirtschaftsprobleme in den USA nur mit einem starken Staat der die Wirtschaft überwachte gelöst werden könnten, für dieses Ziel Lebensbereiche und Teile der Wirtschaft genossenschaftlich zu organisieren sein. Er zog für das Siedlungsbau Projekt Greenbelt Towns Program daher jene Planer und Architekten zusammen, die der Gartenstadt-Idee nahe standen, unter ihnen der Planer Clarence Stein der bereits Radburn mitentwickelt hatte.

Die Nachbarschaftsidee (Neighborhood) des Soziologen Clarence Perry sollte zudem beim Greenbelt Programm großen Einfluss gewinnen. Dieser hatte Grundprinzipien für die sogenannten Neighborhood Units (Nachbarschafts Einheiten) aufgestellt: Nachbarschaft waren die lokalen Einkaufsmöglichkeiten, Kirchen, Schulen, Bibliothek und ein kulturelles Zentrum der Gemeinde. Diese Nachbarschaften sollten Grün- und Freiflächen erhalten, mit umgebenden und nicht zerschneidenden Durchgangsstraßen abgegrenzt sein. Zudem hatte die Neighborhood Idee dazu geführt, dass die Stadt und das gewerbliche Handelszentrum als eine Art Genossenschaft durch ein Bürgerkomitee geführt wurde.

Greenbelt sollte jedoch die amerikanische Politik polarisieren, es waren dort kaum Maschinen eingesetzt worden, sondern 9.000 Arbeiter hatten auf der Siedlungsbaustelle Jobs gefunden, die Bauarbeiten wurden ineffektiv in Handarbeit ausgeführt.

Von Konservativen wurden der „new deal“ und seine staatlichen Wohnungsbauaktivitäten aufs Korn genommen, Greenbelt gar als kommunistisch eingestuft: „the first Communist town in America“ schrieb der „New York American“.

Dennoch löste Greenbelt einen großen Ansturm von tausenden Besuchern pro Woche aus und war viel beachtet, Zeitungsartikel beschrieben Greenbelt als Modellstadt, Traumstadt, eine der wichtigsten Errungenschaften amerikanischer Stadtplanung, als die neue Art von Stadt.

Model plan. Greenbelt, Maryland, Library of Congress, Prints & Photographs Division

Der Zweite Weltkrieg änderte allerdings vieles, auch in den USA, Wohnungsbauaktivitäten bekamen andere Schwerpunkte. Das Greenbelt Towns Programm wurde in den USA durch das private Hauseigentum und den Individualismus ersetzt, dazu entstanden neue und homogene Siedlungs- und Wohnformen wie Veteran-, Age Restricted-, Retirement- und Gated Communities.

Übrigens ist Greenbelt selbst fast in einem Meer von umgebenden Bauaktivitäten untergegangen, ist aber bis heute erhalten und seit 1996 National Historic Landmark der USA.

Für die Hintergründe des Greenbelt Programms, siehe 6.
und https://www.greenbeltmuseum.org

Der enormer Bedarf für Wohnraum in der Nachkriegszeit in Deutschland

Bombardierung Krefeld, Quelle: National Archives at College Park, The National Archives and Records Administration (NARA) USA, 1945

Nach dem Kriegsende entstand in Deutschland ein enormer Bedarf an Wohnungen, große Teile der Städte waren in den Bombardements zerstört worden, Krefeld hatte 70% des Wohnungsbestandes verloren, siehe Bombardierungen Krefelds.

Zudem waren immer mehr Flüchtlinge angekommen und suchten Arbeit und ebenso dringend Wohnraum.

Ein US Report Anfang 1949 beschreibt die Wohnsituation in Westdeutschland so: „Ten million additional persons are crowded into the housing left over after destruction of about three million housing units during the War. The long-term program provides for rehabilitation by repair of only somewhat over one million housing units by 1952/53.2

Erste ausserordentlich dängende Neubauaktivitäten entstandenen in Krefeld 1950 durch die Gemeinnützigen Bau- und Siedlungs-Aktiengesellschaft Krefeld (heute die Wohnstätte) auf schon zuvor im Besitz der Gesellschaft befindlichen Flächen an der Hülser Straße, eine Siedlung mit Blocks am Korekamp in Oppum und auch die Siedlung Stahldorf wurde auf einem Grundstück aus dem Besitz der Edelstahlwerke erweitert.

100 Nachkriegs-Baulücken in der Krefelder Innenstadt

eine der typischen Baulücken in Krefeld

Auf den zerbombten Flächen der Krefelder Innenstadt verzögerten die ungelösten Grundbesitzverhältnisse eine rasche Neubebauung nicht nur in der Nachkriegszeit, die Lücken konnten bis in unsere Zeit nicht vollständig geschlossen werden.

Bis heute ist dies im Kern der Stadt in den über 100 nicht geschlossenen Baulücken, die größtenteils um 1943 während der Bombardierung in der Innenstadt entstanden waren, eindrücklich zu besichtigen. Erweitert man den Kreis auf die unmittelbare angrenzenden Bebauungen, ist diese Zahl noch wesentlich höher.

Zu den 100 Baulücken siehe weiterführendes unter Wirstadt.org

US Marshall Plan und Nachkriegswohnungsbau in Krefeld

Die politische Verantwortung in Deutschland hatten die Alliierten übernommen, federführend die USA. Die US Administration installierte mit dem European Recovery Program (ERP), bekannt als Marshall Plan, ein Wirtschaftsförderungsprogramm das auch in Deutschland zur Wirkung kam.

Aus Sicht der Amerikaner musste für den enormen Wohnraumbedarf, die viel zu geringen Bauaktivitäten, nun dringend von den herkömmlichen in Deutschland ausgeführten Bauweisen abgewichen werden und dafür schnell neuartiges Baumaterial ausprobiert und neues Bauland nach amerikanischem Vorbild in dezentralen suburbanen Siedlungen gewonnen werden.

Die Economic Cooperation Administration (ECA) wurde ins Leben gerufen, um Wirtschaft und der Konsum durch Bauaktivitäten anzukurbeln. Ziele der Maßnahmen der ECA waren:

  • schnellerer Neubau von Siedlungen durch neue und bisher nicht zugelassene Baumaterialien
  • neue Wohnsiedlungen auch unter der Umgehung der bestehenden Baugesetzgebung ermöglichen
  • das Eigenheim und dessen massenhaften Verkauf als das Mittel, die deutsche Wirtschaft zu beflügeln
  • Schnelligkeit vor Langlebigkeit, Eigenheime sollte nicht mehr in der in Deutschland zuvor üblichen hohen Qualität gebaut werden

Seitens der ECA wurden nun für den Siedlungsbau Wettbewerbe ausgeschrieben und „um die Entwicklungen neuartiger Lösungen zu ermöglichen, waren die eingereichten Vorschläge für die ECA-Bauten an die bestehenden baupolizeilichen Vorschriften nicht gebunden.“ 3 Die ECA-Siedlungen sollten den Beschäftigen in wirtschaftswichtigen Industriezweigen vorbehalten sein.

ECA-Versuchssiedlung in Krefeld Linn

Krefeld gewann als eines der deutschlandweit 15 Projekte unter mehreren hundert Bewerbern. An der Hafenstraße in Krefeld-Linn entstand 1952/53 die ECA-Versuchssiedlung Krefeld, die von der amerikanischen ECA vollständig finanziert wurden.

ECA-Versuchssiedlung Krefeld. Ausschnitt aus Luftbild, Quelle: Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland, RW 230, Hansa Lufbild AG, Luftbildpläne 1951-1970, Nr. 17629

Die Siedlung ist aufgelockert mit großen Grünflächen geplant worden, unmittelbar angrenzend an den Greiffenhorstpark in Linn. In den Versuchssiedlungen wurden sehr unterschiedliche und schnellere Bauweisen getestet, die Wände, Böden/Decken abweichend von den gängigen Baunormen ausgeführt. Erprobt wurden u.A. Ziegelsplittbeton-Füllkörper, Hüttenbims-Hohlblocksteine, Naturbims-Hohlblocksteine in verschiedenen Ausführungen und Stärken.

Aufgrund der innerhalb der Bauvorhaben unterschiedlichen Bauweisen, auch der wiederholt wechselnden Ausführungen innerhalb einer einzelnen Baumaßnahme, wurden im Auftrag des Bundesministers für Wohnungsbau durch die TH-Braunschweig schon 1953 umfangreiche Untersuchungen nach Fertigstellung der Siedlungen angestellt.

Darunter wurde auch die ECA-Versuchssiedlung in Krefeld begutachtet, um die Vor- und Nachteile sowie das Abweichen von bestehenden Normen zu begutachten.

Eines der Ergebnis für Krefeld lautete: „Sämtliche in der ECA-Siedlung Krefeld eingebauten Deckenkonstruktionen bieten keinen ausreichenden Trittschallschutz. Die durchgeführten Isolierungsmaßnahmen sind fast wirkungslos.“

Bemerkenswert ist aber neben den eher ernüchternden technischen Ergebnissen ein ganz anderer Aspekt: der von den Amerikanern im Wettbewerb geforderte Eigenheimbau.

Förderung der suburbanen Eigenheimsiedlungen

Die Initiatoren des ECA-Wettbewerbs hatten Eigenheime gefordert, allerdings erwies sich diese Bauform in den eingereichten Kalkulationen, gerechnet pro Kopf der Bewohner, als zu teuer, sodass auch jedes der fünfzehn prämierten Projekte Mehrfamilienhäuser vorsah.

In der ECA-Versuchsssiedlung in Krefeld wurden Mehrfamilienhäuser mit 2-3-4 Bett-Wohnungen gebaut. Das besondere waren aber die errichteten 58 zweigeschossigen Reiheneinfamilienhäuser, für angenommene rund 232 Bewohner.

ECA-Versuchssiedlung Linn, Reiheneigenheime

Erstes Wohnungsbaugesetz, der soziale Wohnungsbau

Der Eigenheimbau war zur Bauzeit der Versuchssiedlung in Linn 1952/53 eigentlich paradox, denn das 1950 im deutschen Parlament einstimmig verabschiedete Erste Wohnungsbaugesetz hatte öffentlich geförderten Wohnungsbau (sozialer Wohnungsbau) als das bundesdeutsche Mittel gegen die Wohnungsnot ausgerichtet.

Im ECA-Wettbewerb wurde dennoch der Eigenheimbau aus rein wohnungspolitischen Gründen gefordert und auch gefördert. Das war die amerikanische Philosophie der eigenen Siedlungsentwicklung und sollte nun auch der bundesdeutsche Trend werden.

Zweites Wohnungsbaugesetz, der Eigenheimbau

Der westdeutsche und bis heute bestehende Traum vom Eigenheim manifestierte sich im Zweiten Wohnungsbaugesetz. Den Schwerpunkt auf das Eigenheim als die Wohnform der Zukunft für alle Einkommensklassen und auch für Arbeiterfamilien, begann nun Gestalt anzunehmen. §30 machte es zur Pflicht bei der Verteilung öffentlicher Mittel zunächst alle bewilligungsreifen „Familienheim-Bauvorhaben“ zu berücksichtigen und erst danach öffentliche Gelder zum Bau von Mietwohnungen zu vergeben.

Als Folge setzte ein Eigenheimboom ungeahnten Ausmaßes ein, bereits 1956 waren in Westdeutschland über 300.000 Eigenheime gebaut und 1958 sparten bereits über 2Millionen Bundesdeutsche auf ihren Traum. Das kollektive Bausparen für privates Eigentum, möglichst mit einem großen Garten und Garage, begann der Gipfel des Konsums zu werden.

Das Gefühl des Aufschwungs in der Zeit des Wirtschaftswunders kurbelte Konsum und Wirtschaft an. Die Demokratisierung und amerikanisierung Westdeutschlands mit Haus, Auto, Fernseher hielten ihren unaufhaltsamen Einzug und stellten im Kalten Krieg das Gegenmodell zum sowjetischen Ostblock her.

Konrad Adenauer rückblickend im Dezember 1959 zum Eigenheimbau: 4

  • Millionen neuer Wohnungen entstanden, darunter ein sehr stattlicher Prozentsatz von Eigentumswohnungen, vor allem auch der Arbeiter. Vertriebene, Flüchtlinge, Ausgebombte, Evakuierte, Spätheimkehrer, Kriegsopfer, Witwen, Waisen, Heimatlose, viele Millionen, die der Krieg am schwersten heimgesucht hatte, kamen immer mehr in den Genuß der Früchte dieses wirtschaftlichen Aufschwungs.“
  • „wenn ich unsere Regierungsprogramme und die daraus erwachsenen Gesetze der vergangenen zehn Jahre überschaue, z. B. … sozialen Wohnungsbau, Familienheim- und Eigenheimbau,“ […] „Eigentumsbildung und Eigentumsstreuung, Baulandbeschaffung (um nur die wichtigsten in Erinnerung zu rufen), so beweisen diese Gesetze ein im besten Sinne fortschrittliches und soziales Denken und Handeln. Sie bedeuten gleichzeitig den Bruch mit den Ideologien des Klassenkampfes und des Staatssozialismus.“

Kritik am Eigenheimbau 5

Dennoch gab es bereits zu dieser Zeit erhebliche und fundierte Kritik am geförderten Eigenheim-Wohnungsbau, wie sich hier zeigt:

  • Städte befürchteten erheblichen Flächenverbrauch
  • größer werdende Verkehrsnöte in den Großstädten
  • überlastete Zubringerstraßen in den Hauptverkehrszeiten
  • enorme Erschließungskosten (Straßen, Wasserleitung, Kanalisation)
  • kleine Gemeinden um Großstädte befürchteten zu Schlafstädten zu werden
  • es drohten die streng begrenzte Stadtkörper mit ihrer klaren Kontur, durch unaufhaltsam wachsende Randgebiete mit städtebaulichem Chaos aufgelöst zu werden
  • Befürchtet wurden die sich erhöhende Kosten für in die Fläche wachsende städtische Infrastruktur wie Büchereien, Schulen, Krankenhäuser, Kindergärten, öffentlicher Nahverkehr

Das Eigenheim war umstritten. Die Gewerkschaften sahen darin die Beschränkung der freien Wahl des Arbeitsplatzes mit unflexiblen Arbeitnehmern, gebundenen ans eigene Haus. Soziologen sahen im Eigenheim mit Garten die politische und kulturelle Eigeninitiative der Eigentümer durch Ratenzahlungen und Gartenarbeit verschwinden, zudem waren die viel zu lange Anfahrtswege aus der Peripherie zur Arbeit, zur Schule, ins Zentrum einige weitere Kritikpunkte.

Weiteres Einfamilienhaus-Wachstum ist bis heute ein strittiger Punkt der Stadtentwicklung und Politik, auch in Krefeld.

Großsiedlungsbau in Krefeld, Flugplatzsiedlung Bockum

Die Geschichte des heute als Krefeld Gartenstadt bezeichneten Wohngebietes Flugplatz geht auf die Fläche des nach dem zweiten Weltkrieg aufgegebenen Flugplatzes Bockum zurück. 1916 entstand auf den Feldern zwischen den Ortschaften Bockum und Traar eine Militärfliegerstation mit Flugzeughallen, einer Werft, Tanklager und einem Eisenbahnanschluß.

Das Flugfeld bestand aus einer kreisrunden Fläche von rund 600m Durchmesser. Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde das Flugfeld durch die Belgischen Besatzer weiter genutzt.

Flugplatz Krefeld-Bockum ca. 1927

Seit 1926 wurde das Gelände als ziviler Flughafen für den Luftverkehr verwendet. Es wurden dort auch Flugzeuge durch die Flugzeugbau Dr. Georg Hüffer gefertigt, Maschinen des Typs DLFW D VIII, ein „freitragender Doppeldecker für Sport und Reise, der als Schul- und Übungsmaschine, namentlich zum Umschulen auf schnelle Maschinen, sowie zu Licht- und Reklameflügen jeder Art, vorteilhaft Verwendung findet.“ 1

Der Flughafen Krefeld Bockum wurde durch die Luft-Hansa angesteuert. Es fand in dieser Zeit ein regelmäßiger Luftverkehr zwischen Krefeld – Köln und Krefeld – Düsseldorf mit nationalen und internationalen Anschlüssen statt.

Ausschnitt Deutsche Luft Hansa Sommerflugplan 1934

Seit 1934 wurde das Gelände bis in den Zweiten Weltkrieg wiederum für militärische Zwecke genutzt, der zivile Flugverkehr 1935 eingestellt, bis der Flughafen am 24.02.1945 von deutschen Truppen gesprengt und sämtlicher Flugverkehr eingestellt wurde.

Der nördliche Teil des ehemaligen Flugplatzes wurde 1950 als Ackerland freigegeben. An den ehemaligen Flugplatz selbst erinnert an der Traarer Straße/Hoher Weg nur noch ein vom Bürgerverein Gartenstadt e.V. gestifteter Gedenkstein.

Die größte Freifläche Krefelds lag auf dem ehemaligen Flugfeld. Es gab dort keine schwierigen Grundstücksverhältnisse und Großsiedlungen entsprachen der Philosophie der einflussreichen Stadtplaner der Nachkriegszeit.

Luftbild Flugfeld Bockum 1936, Ausschnitt aus Foto im Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, Nr. 407

Für den Massenwohnungsbau, der in Westdeutschland von Baugenossenschaften und Wohnungsbaugesellschaften vorangetrieben wurde, führte dies in Krefeld zur mit öffentlichen Mitteln geförderten Planung der Großsiedlung. 

Großsiedlung Gartenstadt

Auch in dieser Siedlung kamen, wie in der ECA-Versuchssiedlung Linn zuvor, für den kostengünstigen raschen Bau in manchen Bereichen Hohlbausteine aus Ziegelschuttresten zum Einsatz, es wurden ebenso Reiheneinfamilienhäuser erstellt.

Die Entwicklung der Siedlungpläne für Krefelds größte Siedlung war um das Jahr 1952 in einem Wettbewerb ausgeschrieben worden, aus dem der Entwurf des Architekten und Stadtplaners Dr. Ing. Kuno Wasserfurth hervorging.

Sein Siedlungskonzept übernahm formal offenbar Elemente der Idee der Gartenstadt, aber ohne den ursprünglich damit verbundenen sozialpolitischen Anspruch, das Ziel war der aufgelockerte und gegliederte rasche Städtebau. Die realisierte lockere Bebauung entsprach auch den Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg, bei Bombardierungen bietet ein solches Siedlungsmuster bedeutend weniger Angriffsfläche.

In der Siedlung fanden Werkswohnungen, Werkseigenheime, Wohnblocks des geförderten Wohnungsbaus und Reiheneigenheime in den unterschiedlichen Bauzonen Platz.

Wettbewerbsentwurf Dr. Ing. Wasserfurth, Wohngebiet Flugplatz, Rot: Bauzonen (sogenannte Knollen)

Schon der Siedlungsplan zeigt einige Merkmale einer Gartenstadt. Der zentrale Bereich, von allen Teilen der Siedlung gleich gut erreichbar, ist durch Bildung und Kultur belegt. Zwei Zentren zur Versorgung, öffentliche Belange und Kirchen sind ebenso vorgesehen.

Sackgassen, Ringstraßen, Blocks

Die einzelnen Siedlungsbereiche werden als Landschaftsplaung durch Grünanlagen in denen ein Fußwegnetz liegt gegliedert und sind den amerikanischen Superblocks nach Vorbild aus Radburn sehr ähnlich, samt Sackgassen und Ringstraßen.

Auffällig ist im Siedlungsplan die Ausrichtung auf das Automobil.

Der Plan Wasserfurths sah vier Bauzonen ABCD vor, die als Knollen bezeichnet wurden und insgesamt 1750 Wohneinheiten enthalten sollten.

Nicht ausgeführtes Element ist der zentrale Kulturort der Gartenstadt, in Wasserfurths Plan der Saalbau. Die Flugfeldsiedlung bekam zwar nach und nach zwei Geschäftszentren, zwei Schulzentren, zwei Kirchen, aber es sollte kein gesellschaftliches kulturelles Herz bekommen, der Saalbau wurde nie ausgeführt.

Im Juni 1955 war Baubeginn von 634 Wohnungen in der Knolle A durch die Wohnstätte, 1956 konnten die ersten Wohnungen be­zogen werden. Ein halbes Jahr später wurde der Grundstein für die ersten Bayer-Wohnungen für Mitarbeiter des Bayer Werks in Uerdingen von der Gemeinnützigen Wohnungsbau Gesellschaft Leverkusen GeWoGe gelegt. Von Bayer werden in der Siedlung 202 Werkswohnungen und 52 Eigenheime erbaut. 

Knolle B, Vierfamilien Wohnhaus der ehemaligen Gemeinnützige Wohnungsbau Gesellschaft Leverkusen GeWoGe für das Bayer Werk Uerdingen, Zustand 2020
20.01.1950, Urkunde im Grundstein

Beide Siedlungsknollen A und B enthielten neben Mehrfamilien Wohnblocks und Häusern auch Einfamilienhäuser, die Knolle der Wohnstätte Reiheneinfamilienhäuser nach dem Vorbild der ECA-Siedlung Linn, die Bayer Knolle Doppelhaus-Einfamilienhäuser.

1959, erste Baufortschritte, links Knolle A Wohnstätte, rechts Knolle B Bayer Wohnungsbau, Ausschnitt aus Luftbild Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland, Karte R RW 0230 09129

Für Mehrfamilien-Wohngebäude wurden ganze Garagenkomplexe ausgeführt, einer ist im Luftbild 1959 ganz rechts erkennbar. Gut sichtbar ist zudem die Trennung von Straßen für das Automobil und den Fußweg.

1959, Details der Knolle B, Bayer Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft, Ausschnitt aus Luftbild Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland, Karte R RW 0230 09129

Die Bauvorhaben der Wohnbauten schritten stetig weiter voran, eine erste Schule und das kleinere Geschäftszentrum am heutigen Insterburg-Platz wurde gebaut, es folgte das größere Zentrum an der heutigen Breslauer/Traarer Straße.

Zentrum Breslauer Straße / Traarer Straße Knolle B

Ein in architektonischen Begriffen und aufgrund ihrer ökumenischen Nutzung ausserordentliches Bauwerk wurde mit der heutigen ökumenischen Pius-Lukas-Kirche in Krefeld Gartenstadt 1966, nach einem Entwurf des Düsseldorfer Architekten Josef Lehmbrock, als katholische Kirche St. Pius X erbaut und 1968 geweiht.

Kirche St. Pius X, 1966, Josef Lehmbrock

Die bereits 1960 erbaute evangelische Lukas-Kirche der Gartenstadt wurde jüngst aufgegeben und beide Gemeinden nutzen heute gemeinsam die Pius-Lukas-Kirche.

Die Gartenstadt ohne Garten

Der Stadtteil hatte lange Zeit keinen Namen. Nach diversen Vorschlägen, die sich unter anderem um den ehemaligen Flugbetrieb drehten, wurde erst 1961 der Beschluss gefasst, den Stadtteil als Krefeld-Gartenstadt zu benennen. Ein dem Zeitgeist entsprechender und oft verwendeter Begriff für neu entstehende Stadteile, die einen aufgelockerten Siedlungsaufbau mit Grünflächen hatten.

Jedoch hatte die nun „Gartenstadt“ benannte Großsiedlung auf dem ehemaligen Flugplatz auch 10 Jahr nach Baubeginn und 7 Jahre nach der Gartenstadt-Benennung, siehe nachfolgendes Luftbild aus dem Jahr 1968, nur Grünflächen aber keinen nennenswerten Baumbestand.

Einer Gartenstadt entsprach das Antlitz der Siedlung daher ursprünglich nicht im entferntesten, bis Jahre später aber eine erhebliche Anzahl Bäume gepflanzt wurde.

Der heutige anzutreffende reichhaltige Baumbestand besteht zum Teil auch aus exotischeren Bäumen und wurde durch den Bürgerverein Gartenstadt e.V. mit einem Baumlehrpfad versehen.

1968, Ausschnitt aus dem Luftbild Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland, Karte R RW 0230 09129

Die zuvor schon erwähnte automobile Ausrichtung der Siedlung ist auch 1968 noch im Luftbild erkennbar. Denn bis auf wenige Buslinien die zuerst auch ausschließlich für Bayer Mitarbeiter im Werksverkehr eingerichtet waren, fehlte die Anbindung an das öffentliche Schienen-Nahverkehrsnetz.

Noch 1970 war die Straßenbahnanbindung nur von Krefeld und Uerdingen über Bockum, über das 1967 erbaute Badezentrum Bockum, bis zur Schleife am Bockumer Friedhof vorgedrungen. Dort war für die Verbindung zur Gartenstadt ein Umsteigen in den Bus erforderlich.

Erst im Oktober 1975 erfolgte die Verlängerung der Straßenbahn bis zur Pius Kirche, mit dortiger Wendeschleife. Die Anbindung an ein Schnellbahn- oder S-Bahn Netz fehlt bis heute. Die dafür ursprünglich freigehaltene Schnellbahn-Trasse Rheinhausen-Krefeld sollte durch die weitere Automobile- Ausrichtung als Nordtangente endgültig durch den Individualverkehr belegt werden.

Vertikales Wachstum der Gartenstädte

Cité radieuse, Marseille, Quelle: Velvet, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Ein weiteres Phänomen der Gartenstädte wurde das Wachstum in die Höhe. Eine erste vertikale Stadt für hohe Bevölkerungsdichten wurde bereits in den 1920ern vom Architekten und Stadtplaner Le Corbusier als La Cité Radieuse entworfen.

95% des benötigten Raums sollte Grünfläche sein, die Bebauung durch Großgebäude wie der „Unité d’Habitation“ (Wohnmaschine) nur 5% beanspruchen.

Dabei konnte in einer vertikalen Gartenstadt eine enorme Bevölkerungsdichte untergebracht werden. (Die Cite Radieuse ist in Marseille 1946-1952 gebaut worden und heute UNESCO-Weltkulturerbe)

Auch in der Großiedlung Gartenstadt sind einige Bauten achtstöckig ausgeführt worden. Die vertikale Ausrichtung sollte in einem unmittelbar benachbarten weiteren Bauvorhaben konsequent umgesetzt werden:

Siedlung Elfrath

Als ersten Bauabschnitt wurde in Elfrath, als die Fortsetzung der dort bereits bestehenden älteren Doppelhaus-Siedlung Bruchhöfe, ein Feld mit freistehenden Einfamilienhäusern bebaut werden,. Jeweils mit eigener Garagenzufahrt, nach amerikanischem Muster.

Einfamlienhäuser, Sackgassen, Garagenzufahrten, Luftbild 1968, Ausschnitt aus Foto im Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, RW 0230

1966 begann die Stadt Krefeld dann die eigentliche Großsiedlung Elfrath als eigenständigen Stadtteil für bis zu 25.000 Einwohner zu planen. Aufgrund beantragter sozialer Wohnungsbaumittel musste die Siedlung in hoher Ausführungsgeschwindigkeit, vorwiegend vertikal erstellt werden.

Die Gemeinnützige Heimstätten-AG (GEHAG) gewann eine Ausschreibung und führte das Projekt Elfrath durch, es wurden dabei in einem Schritt 868 Wohneinheiten für 2800 Bewohner erstellt.

Gebaut wurden mehrere Wohnblöcke und Einzelgebäude die als vertikale Hochbauten achtstöckig ausgeführt wurden, ergänzt durch einige niedrigere vierstöckige Wohnblocks.

Luftbild Baustelle 1968, links Großsiedlung, rechts Eigenheime. Ausschnitt Foto Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, RW 0230
achtstöckiger Wohnblock in Elfrath

Im zentralen Bereich der Siedlung wurde eine Tiefgarage angelegt und in der Nähe zu jedem der Häuser ein Kinderspielplatz. Heute ist nur noch einer dieser Spielplätze erhalten und ein „lost place“.

Geschlossener letzter Spielplatz der Siedlung Elfrath

Die Infrastruktur der Großsiedlung Elfrath bestand ursprünglich aus Supermarkt, Waschsalon, Friseursalon, Bankfiliale, Gastwirtschaft, Tankstelle und einer Schule. Eine Kirche war nicht geplant. Seit 1980 zudem Postfiliale, Apotheke und Bäckerei. Heute sind nur noch wenige Fragmente dieser städtischen Infrastruktur am zentralen Honschaft-Rath-Platz vorhanden.

Die Siedlung war offensichtlich als Automobile Schlafstadt geplant, die Anbindung an das öffentliche Schienenverkehrsnetz erfolgte erst mit erheblicher Verzögerung. Erst 1980 wurde die Straßenbahn von der Gartenstadt unter der Nordtangente hindurch bis Elfrath verlängert.

Tunnel Nordtangente, Straßenbahn- und Rad Fußwegverbindung zwischen Elfrath und Gartenstadt

Diese Tunnelpassage ist seit dem, mit einer weiteren Fußgängerbrücke die auch erst auf initiative der Bürger von Elfrath und Gartenstadt entstand, die einzige direkte Verbindung zwischen der Gartenstadt und Elfrath.

Nachdem 1972 die Autobahn A57 fertiggestellt wurde, ist die Siedlung Elfrath ein einziger sehr großer Superblock, dessen Autoverkehr an einer Ein/Ausfahrt zusammengefasst wird. Es handelt sich sicherlich um eine der größten Sackgassen des Rheinlands.

Autobahn und Schnellstraße riegeln Elfrath zu zwei Seiten, ohne weitere Unter-/ Überquerungen als Brücke und Tunnel, bis heute von der Außenwelt ab. Eine Auf-Abfahrt auf die angrenzende Schnellstraße oder Autobahn ist nicht vorhanden.

Resümee

Die Gartenstadt und Elfrath sind Großsiedlungen, deren Planung beginnend mit der Flugfeldsiedlung Bockum Anfang der 50er Jahre erste Gestalt annahm und bis Ende der 60er Jahre in mehreren Bauabschnitten und Siedlungsteilen realisiert wurde.

An der Entstehungsgeschichte, den Bauformen, dem Wege- und Gartenlayout der Siedlungen, an der Gestalt der unterschiedlichen Generationen der Gebäude, lassen sich sowohl die politischen Leitbilder der Bundesrepublik Deutschland der Nachkriegszeit beispielhaft ablesen, aber auch die städtebaulichen Vorstellungen von vergangenen Generationen von Stadtplanern.

Erhalt

Die Villensiedlung in Krefeld, ausgehend vom Bismarckplatz, steht in wesentlichen Teilen unter Denkmalschutz. Die Nachkrieges-Verkehrsplanungen haben den Platz selbst und dessen Grünanlagen zu einer asymmetrischen Autoschneise transformiert. Ein shared space Konzept würde eine erhebliche Aufwertung des Platzes bringen, allerdings ist eine Vielzahl der Häuser in der Bismarckstraße und am Bismarkplatz ohne Garage erbaut worden, für die nun vielen Automobile war und ist kein Raum geplant gewesen.

In der Gartenstadt gibt es seit einigen Jahren erhebliche Veränderungen. „Der Masterplan trachtet nach einer respektvollen Implementierung von optimalisierten Wohngebäuden mit einer Ausstrahlung des 21. Jahrhunderts in die vorhandene offenen und grüne Qualität von Gartenstadt. Eine helle, leichte Architektur mit subtilen Farbakzenten in der Tradition des ‚Neuen Bauens’ erneuert die Gartenstadt ohne zu dominieren“, so der Architekt des erneuerten Baublocks in Knolle A der Gartenstadt.

Ob das ablesbare und besondere Layout und der Charakter der Siedlungen auch langfristig erhalten werden kann, ist mehr als fraglich.

Ob die teilweise sehr sehenswerte Bausubstanz erhalten werden kann, ist auch eher fraglich, denn die Dämmung von Bauten mit Plastik verändert das Gesicht der Architektur nicht immer zum besseren, wie hier vielleicht zu sehen ist:

Der Stadtteil Elfrath hat seine aussergewöhnlichen Qualitäten. Der „lost place Spielplatz“ Elfrath weckt Bedenken. Ob der Stadtteil zukünftig zu einem größeren Problemfeld wird, oder als moderne und lebenswerte Großsiedlung seine Vorzüge ausspielen kann, ist nicht abzusehen.

Die ECA-Versuchssiedlung Linn und deren besondere Reiheneinfamilienhaus – Substanz ist in Teilbereichen sehr ansehnlich erhalten.

Quellen:

1 Der Hüffer-Flugzeugbau
in Münster, Paderborn und Krefeld Von Günter Frost (ADL)
siehe Arbeitsgemeinschaft deutsche Luftfahrthistorik

2 Western Germany Country Study
Economic-Cooperation Administration
February 1949, Washington D.C.

3 Schall- und wärmetechnische Untersuchungen an den ECA-Entwicklungsbauten
Braunschweig – Bremen – Hannover – Krefeld – Lübeck von
Th. Kristen, H. Brandt und W. Westhoff, 1953

4 https://www.konrad-adenauer.fbede/quellen/artikel/1959-12-19-vorwort-deutschland-wiederaufbau

5 https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41761883.html

6 Hintergründe Greenbelt Programm: ab Seite 216 in
„City of the future“: Modellstadt Greenbelt – Maryland von Dirk Schubert

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