Chemische Fabriken vorm. Weiler-ter Meer

Das Chemiewerk in Uerdingen hat eine lange Tradition als einer der goßen Chemiestandorte Deutschlands. Entstanden ist das Werk durch das Zusammenwirken von zwei Chemikern, die nach ihrem Studium ihre Freundschaft auch geschäftlich fortsetzten. Diese Entwicklung hatte gewaltige Auswirkungen auf Uerdingen und die Region.

Das wachsende Chemiewerk führte zu erheblichen regionalen Veränderungen und überwuchs dabei eine Ortschaft. Die Geschichte des Werks ist auch ein Teil derer der I.G. Farben und der bereits im Ersten Weltkrieg und insbesondere in der NS-Zeit engagierten ehemaligen Eigentümerfamilie Ter Meer.

Das Werk war und ist bis heute einer der größten Arbeitgeber der Region und Krefeld-Uerdingen ein wichtiger Chemiestandort.

Sehenswert ist die Lage am Rheinufer mit den dortigen Umschlag- und Fabrikationsanlagen, die ehemalige Ortschaft Hohenbudberg mit der dort angrenzenden Werksverwaltung.



Zur Entstehungsgeschichte des Chemiestandorts Uerdingen

Ältester erhaltener sichtbarer Teil des Werks

Einleitung

Gefärbte Kleidung war aufgrund der teuren Beschaffung und Extraktion von natürlichen Farben aus Naturprodukten ein Privileg der reichen Oberschicht.

natürliche Farbstoffe

Natürliche Farbstoffe wurden aus importierten und daher kostspieligen Hölzern wie Blauholz vom mexikanische Campechebaum, Rothölzern, Gelbhölzern gewonnen, die auch in Uerdingen am Rheinwerft angelandet und unter anderen Zielen auch nach Krefeld zu den dort ansässigen Seidenfärbereien transportiert wurden.

synthetische Farbstoffe

Die Entdeckung des ersten synthetischen-Farbstoffes gelang im Jahr 1856 William Henry Perkin. Bei Experimenten mit Steinkohlenteer entdeckte er Mauvein. Die unansehnliche schwarze Masse löste sich überraschenderweise durch Oxidation und lieferte dann eine violette Farbe, die dauerhaft in Stoffe eindrang, ohne auszubleichen. 

Teerfarben

Mit synthetischen Farbstoffen konnte erstmals die riesige Nachfrage nach gefärbter Kleidung befriedigt werden. Dies führte in ganz Europa zur Gründung einer Welle von ersten Industriebetrieben der Teerfarbenindustrie. Verwendet wurde Steinkohlenteer um Anilin zu gewinnen, die Ausgangskomponente um Mauvein herzustellen. Die Mauveinsynthese war aber nur der Startschuss für die Herstellung einer Vielzahl anderer synthetischer Anilin-Farben

aus der Ausstellung Zeitkolorit, Deutsches Textilmuseum Krefeld Linn 2019

Vom Anilin zur chemischen Industrie

Die Teerfarbenproduktion entwickelte sich zum ersten wichtigen Sektor der chemischen Industrie im deutschen Kaiserreich, während zeitgleich die Verwendung natürlicher Farbstoffe immer weiter abnahm.

Bedeutende Hersteller von Anilin waren das Teerfarbenwerk Oehler in Offenbach (1842), Friedrich Bayer & Co in Elberfeld (1862), die Theerfarbenfabrik Meister, Lucius & Co. in Frankfurt Höchst (1863), Chemische Fabrik Kalle & Co. in Biebrich (1863), Chemische Fabrik Griesheim am Main (1863) und die Badische Anilin & Sodafabrik BASF in Ludwigshafen (1865).

Julius Weiler und Edmund ter Meer

Julius Weiler

1872 studierte Julius Weiler, der Sohn des Besitzers der Anilin-Fabrik Joseph Wilhelm Weiler in Köln-Ehrenfeld, an der Universität Straßburg Chemie. Sein Vater hatte die Fabrik bereits 1861 eröffnet und der Betrieb hatte bereits die beträchtliche jährliche Herstellungskapazität von 300t Anilin hervorragender Qualität.

Einer der Mitstudenten und Freund von Julius Weiler war Edmund ter Meer, der Sohn eines mennonitischen Seidenfabrikanten aus Krefeld. Im März 1875 promovierten beide Studenten in Chemie an der Universität in Straßburg unter Professor Adolf v. Baeyer, dem wenige Jahre später erstmals die Synthese von blauem Indigo, dem ,,König der Farbstoffe“ gelang und der 1905 Nobelpreisträger Chemie werden sollte.  

Edmund ter Meer

Nachdem Joseph Wilhelm Weiler, der Gründer der Anilin Fabrik in Köln-Ehrenfeld 1875 starb, übernahm sein im selben Jahr promovierter 25 jähriger Sohn Julius Weiler die Fabrik und baute diese mit Hilfe seiner Erkenntnisse aus dem Studium weiter aus, das Unternehmen wuchs und weitere Unternehmensstandorte in Köln kamen hinzu. Darunter 1880 die Salpetersäurefabrik in Köln-Müngersdorf und 1881 die Schwefelsäurefabrik in Köln-Riehl.

J.W. Weiler & Co. wurde in dieser Zeit zu einem der größten Lieferanten von Anillin im Kaiserreich, zu den Kunden zählten die Unternehmen Bayer und Jäger aus Barmen, Kalle aus Biebrich, Oehler aus Offenbach und Tillmanns aus Krefeld.

Farbenfabrik Tillmanns in Krefeld

Dr. Heinrich Tillmanns war der Onkel von Edmund ter Meer und betrieb in Krefeld seit 1862 eine Fabrik für Teerfarben am Rad der Stadt. 1863 wird dort bereits Fuchsin-rot und auch Regina-purple und Imperial-blue hergestellt. Die Farben hatten eine hervorragende Qua­lität, sodaß die Tillmanns Produkte auf der Pariser Weltausstellung 1867 prämiert wurden. Abnehmer von Tillmanns war übrigens auch die in Krefeld bis heute bekannte Tapeten und Wachstuchfabrik Heeder.

Umweltprobleme der Teerfarbenindustrie in Köln und Krefeld

Foto der Anilinfabrik mitten in Ehrenfeld, 1880.
Quelle: Zum 50jährigen Bestehen, Eberhardt, C., Düsseldorf, 1911 ´

Umweltprobleme wie die Verseuchung von Brunnenwasser, Proteste gegen die bei der Synthese von Steinkohlenteer entstehende Geruchsbelästigung, war für alle Teerfarbenfabriken rasch ein Problem. Mitten im Stadtteil Köln-Ehrenfeld gelegen, bekam die Fabrik von Julius Weiler erhebliche Schwierigkeiten mit Anwohnern und Behörden.

In Krefeld gab es schon lange ein weithin bekanntes heftiges Abwasserproblem mit den Färbereien der Seidenindustrie. Es wurde berichtet, das schöne Krefeld erreiche man nur nach dem durchqueren von stinkenden Sümpfen. Die Färbereien leiteten ihr hoch belastetes und stinkendes Abwasser in die Gräben der Stadt.

Die 1862 vom Onkel Erdmund ter Meer in Krefeld gegründete Tillmanns Chemiefabrik lag am Fütingsweg, südöstlich der Bahnanlagen des Hauptbahnhofs. Dort wurde Fuchsin hergestellt und dazu wurde ein Gemisch von Anilin und Toluidinen mit einer hochkonzentrierten Arsensäurelösung verschmolzen. Die Seidenfärbereien in Krefeld verwendeten diese Rohschmelze samt den giftigen Arsenverbindungen und verarbeiteten die Giftstoffe in die Bekleidung.

Tillmanns war wie alle Fuchsinhersteller verpflichtet worden, die bekanntermaßen hochgiftigen mit Arsen belasteten Rückstände der Fabrik ordnungsgemäß zu entsorgen. Sie sollen mit Kalk gebunden und dann in Fässern weggeschafft werden, aber geeignete Deponien gab es zu dieser Zeit noch nicht. Daher transportierten Schiffe die Arsenik-Fässer zur Nordsee und versenkten diese im Meer. Tillmans verzichtete allerdings offenbar lange Zeit auf diese kostspielige Entsorgung des Arsens, es bildeten sich giftige Halden auf seinem Werksgelände in Krefeld.

Andere Anilin-Fabriken waren an Flüssen entstanden und hatten dadurch einen erheblichen Vorteil erfahren: Beispielsweise beantragte die Teerfarbenfabrik Kalle in Biebrich am Rhein 1876, alle Rückstände der Fuchsin- Fabrikation in den Fluß laufen lassen zu dürfen, und bekam diese Genehmigung trotz der Proteste von Anrainern und Fischern.

1897 entschied das Reichsgericht: „Das Wasser eines öffentlichen, wie eines Privatflusses ist die von der Natur gegebene Abflußrinne, nicht nur für das vom Boden selbst abfließende, sondern auch für das vielfach mit fremden Stoffen vermischte Wasser, welches zu Wirtschaftszwecken gedient hat und künstlich fortgeschafft werden muß.“

Währenddessen hatte Edmund ter Meer nach seiner studentischen Ausbildung sein chemisches Wissen von 1876 bis 1877 beim Aufenthalt im wissenschaftlichen Laboratorium der Ludwigshafener Badischen Anilin- und Soda-Fabrik (BASF) ausbauen können. Als er nach Krefeld zurück ging, war er entschlossen seine eigene Anilin-Produktion aufzubauen, aber nicht in der Stadt.

1877 Farbwerke E. ter Meer & Co.

Edmund ter Meer entschied sich für einen ländlichen Bereich, unmittelbar am benachbarten Rhein zwischen Uerdingen und Hohenbudberg, den er aufgrund von Sommeraufenthalten der Familie in deren dortiger Zweitwohnung kennengelernt hatte.

Die Standortwahl Edmund ter Meers fiel somit auf ein sehr günstig zu erwerbendes Stück Land am Rhein mit seinen unerschöpflichen Wasservorräten und der kostenlosen Möglichkeit, alle Rückstände der Fabrikation zu entsorgen.

Farbwerke E. ter Meer & Co. 1877

Die 1877 gegründeten Farbwerke E. ter Meer & Co. bestanden zuerst aus recht einfachen und kleinen Räumlichkeiten, in denen mit gebraucht erworbenen Gerätschaften gearbeitet wurde. Neben dem Inhaber waren nur sehr wenige Mitarbeiter angestellt, Geldgeber der 30.000M Startkapital war Edmunds Vater, das kleine Grundstück kostete 1.500M.

Produktionsumfang des Werks

Zuerst wurden dort die Teerfarben Orange I und II, Chrysoidin (goldgelb) und Bismarckbraun hergestellt. Das kleine Werk bezog als notwendige Grundlage für die Farbenproduktion Anilinöl vom Studienfreund Edmund Ter Meers, dem Kölner Anilin Produzenten Julius Weiler aus Ehrenfeld. Nach ter Meers Erfindung der Farbstoffe Neugelb und Azogelb stellten sich erste bescheidene wirtschaftliche Erfolge ein, 1880 wurden allerdings lediglich 19t Farben herstellt.

1882 Anilin Farbenfabrik Tillmanns, E. ter Meer & Cie.

Tillmans, E. ter Meer & Cie. Uerdingen

1882 trat Edmund ter Meers Onkel Dr. Heinrich Tillmanns aus der eigen Farbenfabrik Tillmanns in Krefeld als Gesellschafter aus und in die E. ter Meer & Cie. als Teilhaber hinzu. Die Firma wurde dadurch in die Tillmanns, E. ter Meer & Cie. umgewandelt.

Die damit verbundene Finanzspritze ermöglichte es nun auch Methylviolett, Malachitgrün und Brillantgrün herzustellen. Jedoch wurde 1884 im Werk lediglich 87t Farben herstellt und bereits 1887 schied Tillmanns als Mitgesellschafter wieder aus.

1886 Chemische Fabriken vorm. J. W. Weiler & Co. in Köln

Bis 1886 hatte sich die jährliche Produktionsmenge der Fabriken von Julius Weiler in Köln bereits auf auf 1200t vervielfacht. Um das stark gewachsene Unternehmen auf breitere Kapitalbasis zu stellen wurde die Firma in Köln in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die die Chemische Fabriken vorm. J.W. Weiler & Co. AG entstand.

Da die Fabrik in Köln-Ehrenfeld ihr Abwasser in die öffentliche Kanalisation einleitete, entstanden erheblichen Auseinandersetzungen mit den örtlichen Behörden. Zudem beschnitten kommunale Planungen in der städtischen Umgebung die weitere räumliche Ausdehnungen des Chemiewerks . In dieser Situation stellte für Julius Weiler seine Freundschaft zum Kommilitonen Edmund ter Meer eine mögliche Lösung dar.

1887 Teilhaberschaft und Grundstückskauf in Uerdingen

Bereits 1887 war Julius Weiler (nach dem Austritt von Dr. Heinrich Tillmanns) stiller Teilhaber an der nun wieder E. ter Meer & Cie. lautenden Farbenfabrik in Uerdingen geworden. Die Chemische Fabriken vorm. J.W. Weiler & Co. erwarb zusammen mit der E. ter Meer & Cie. 1891 ein Grundstück, das sich vom Rheinufer bis zur Eisenbahnlinie der preußischen Staatsbahn ausdehnte und die bisherige recht geringe Fläche des Uerdinger Werks um ein vielfaches übertraf.

1896 Verkauf der Farbenfabrik E. ter Meer & Cie

Bereits seit 1892 litt Edmund ter Meers kleine Fabrik unter Liquditätsmangel und suchte seitdem Geldgeber für das, im Vergleich zu Konkurrenten, immer noch kleine Farbenwerk. Das höhere Angebot eines süddeutschen Bankhauses schlug er dabei aus und nahm statt dessen das niedrigere Angebot seines wichtigsten Lieferanten und Studienfreundes Julius Weiler an.

1896 wurde der gesamte Betrieb des Farbwerks E. ter Meer & Co. in Uerdingen von den Chemische Fabriken vorm. J.W. Weiler & Co. aus Köln von für 875.000 Mark in Aktien und 350.000 Mark in bar gekauft. Beide Werke wurden zu diesem Zeitpunkt zu den Chemische Fabriken vorm. Weiler-ter Meer, mit Julius Weiler und Edmund ter Meer als Vorstand.

1898 Mitbegründung der Uerdinger Waggon-Fabrik

Mehrere Unternehmer aus Uerdingen, darunter Dr. Julius Weiler von den Chem. Fabriken vorm. Weiler ter Meer, der Zuckerfabrikant Franz Schwengers von P. Schwengers & Söhne und der Kaufmann Friedrich Mauritz gründeten die Uerdinger Waggon-Fabrik, um in der Zeit des industriellen Aufschwungs die Hohe Nachfrage nach Eisenbahnfahrzeugen zu nutzen.

Das Unternehmen, später bekannt als Teil der Duewag AG, ist für seine erfolgreichen und zahlreichen Straßenbahnfahrzeuge europaweit bekannt, insbesondere aber für den Uerdinger Schienenbus. Das seit 2002 vollständig zum Siemens Konzern gehörige Werk produziert bis heute Schienenfahrzeuge, von Regionalbahnen bis zu Hochgeschwindigkeitszügen.

1900 Übernahme der Farbenfabrik in Krefeld

Anfang 1900 wurde die Anilinfarbenfabrik von Küchler & Buff in Krefeld, das Nachfolgeunternehmen der Farbenfabrik des ehemaligen Teilhabers und Onkels von Edmund Ter Meer Tillmanns, übernommen. Die Mitarbeiterzahl lag 1900 bei

  • 124 Arbeitskräften in Krefeld
  • 336 in Uerdingen

Als Julius Weiler 1904 verstarb, übernahm Edmund ter Meer als verbleibender Vorstand die Leitung des gesamten Unternehmens. Unter seiner Leitung wurde die schon länger geplante Verlegung der Kölner Werke aus Ehrenfeld, Riehl und Müngersdorf nach Uerdingen vorangetrieben, die aber erst 1914 vollständig abgeschlossen werden konnte.

Mehr lesen:


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.