Klärwerk

Das ehemalige Klärwerk der Stadt Krefeld ist ein technisches Kulturdenkmal, denn nicht nur seine überlieferte und ablesbare Funktionsweise ist eine spannende Geschichte, sondern ebenso die Architektur, aber genauso die Ingenieurkunst, welche zur Konstruktion und Formgebung beitrug. Das Klärwerk liegt auf der Europäischen Route der Industriekultur ERIH

Sehenswert ist die Gesamtanlage und insbesondere die historische Klärhalle, in der das Abwasser gereinigt wurde.


Geschichte und Hintergrund

William Lindley

Die Abwasserentsorgung der wachsenden Städte war seit dem 19. Jahrhundert weltweit ein enormes zu lösendes Problem.

Nachdem in Hamburg nach dem großen Brand der Stadt 1842 die erste modernen Kanalisation Europas vom dort lebenden englischen Ingenieur William Lindley erstellt wurde, entwarf er auch für Krefeld 1874 die erste moderne Kanalisation, wie auch für viele andere Städte Europas, darunter Düsseldorf, Chemnitz, Basel, Jassay, Galatz, Braila, Elberfeld, Prag, Budapest, St. Petersburg und Warschau. 

Mechanische Abwasserreinigung 

Um die Wende zum 20. Jahrhundert entwickelte sich die mechanische Abwasserreinigung, die sich vor allem in Deutschland, aufgrund der großen Wassermengen von Vorflutern wie Elbe und insbesondere Rhein, stark durchsetzte.

Hauptziel hierbei war eine ästhetische Reinigung des Abwassers vor dessen Einleitung in ein großes Fließgewässer. Dabei spielten ästhetische Fragen und erste Umweltschutzgedanken eine genauso große Rolle, wie die Belastung der flussab liegenden Abschnitte und Gemeinden die den Fluss auch als Trinkwasserquelle nutzten, aber auch die Bedeutung für die Fischerei.

Zu den mechanischen Reinigungsverfahren zählte insbesondere der Einsatz von Rechen, die nach dem Prinzip einer Harke funktionieren und Schmutzstoffe aus dem Wasser entfernen. Es wurde auch mit rotierenden Sieben experimentiert.  

Siehe Übersicht der mechanischen Verfahren.

Rechenanlage

Rechenanlage, Patenteintrag

Im Krefelder Klärwerk wurde das Abwasser mit einem Siebbandrechen fein gereinigt, die feingliedrigen Rechenzinken hatten hier 6mm Abstand.

Die Art des mechanisch angetriebenen Rechens zur Aufnahme des groben Klärgutes sind heute noch in allen Kläranlagen weltweit als erste von mehreren Reinigungsstufe im Einsatz.

Es ist kein Exemplar der mechanischen Rechen ist erhalten. Der Rechen ist aber anhand von Zeichnungen und eingereichten Patenten dokumentiert. 

Gestalt der Architektur und Konstruktionsweise 

Das Klärwerk Krefeld ist in einem nahezu „organischen“ Jugendstil gehalten, der sich in der gesamten Formung des Gebäudes zeigt. Als exemplarisch ist hier zu sehen, dass der Jugendstil vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs als ein Ausgangspunkt zur architektonischen Moderne galt. National- und international tätige Künstler waren entweder in Krefeld tätig, standen in engem Diskurs mit den Institutionen der Stadt.

Der Entwurfsverfasser, Architekt Georg Bruggaier, war städtischer Angestellter im Hochbauamt der Stadt. Ob er auch die künstlerische Vorlage gab, ist bisher noch ungeklärt. 

Klärwerk Klärhalle, Betonkonstruktion des Tragwerks

Konstruktion der Hallen

Das Klärwerk hat eine gut sichtbare nahezu inszenierte Eisenbetonkonstruktion und zeigt heute, dass Beton damals begann, in der Zukunft eine herausragende Rolle zu spielen.

Konstruktiv vergleichbare regionale Bauten sind der Getreidespeicher-Siebengebirge (1907) im Kölner Rheinauhafen, das ab 1908 realisierte Straßenbahndepot in Düsseldorf-Bilk, der Getreidespeicher der Crefelder Lagerhausgesellschaft Schou (1911) im Krefelder Rheinhafen.

Das besondere der Konstruktion des Klärwerks ist aber die Spannweite der stützenlosen Hallen. Große Räume entstanden, mehr ein Palast, der mit den Symmetrien spielt. Das Klärwerk ist, als einer der ersten Hallenbauten aus Beton, schon zu seiner Entstehung ein ungewöhnliches Bauwerk gewesen. Es zeigt früh, dass die Beton-Bauweise vollkommen neue Formen ermöglichen würde.

Ausstattung

Die Innenausstattung des Klärwerks war durch die Verwendung bester Materialien auf perfekte Funktion und Langlebigkeit ausgelegt. Sämtliche Gebäudeteile sind mit Lavabasaltsockeln ausgestattet, die Innenwände mannshoch mit besonders widerstandsfähigen Kacheln belegt, der Fußboden und Gleisbett der Lorenbahn besteht aus Terrazzo, dekoriert durch abgesetzte Marmor-Mosaik-Steine.    

Innenausstattung

Einordnung in regionale Infrastrukturprojekte der Industrialisierung  

Das Krefelder Klärwerk erzählt auch davon, dass die Stadt Krefeld Anfang des 20. Jahrhunderts ihre wirtschaftlich schwierig gewordene Lage in der Seiden- und Tuchindustrie durch die Investition in weitreichende Infrastrukturprojekte und Ansiedlung neuer Gewerbe überwinden wollte.

Stadtbaurat, Beigeordneter und königl. Wasserbauinspektor Hubert Hentrich

Unter der Leitung von Stadtbaurat Beigeordneter und königl. Wasserbauinspektor Hubert Hentrich wurde diese Ziele dann auch zielstrebig in Angriff genommen.

Zu den ambitionierten Projekten zählten:

Frühes Großklärwerk

Im Klärwerk mussten sowohl die Abwässer der gesamten Stadt, als auch des neuen Industriehafens und zukünftiger dort anzusiedelnder Gewerbe, der neu eingemeindeten Ortschaften Linn, später auch Bockum aufgenommen werden können.

Das Klärwerk war mit zwei Rechenanlagen ausgestattet, eine dritte hätte zusätzlich installiert werden können und war in Summe somit für bis zu 375.000 Einwohner ausgelegt. 1910 hatte die Stadt Krefeld allerdings nur 110.000 Einwohner, dies verdeutlicht den ambitionierten Plan des zu dieser Zeit intensiv verfolgten Rhein Maas Schelde Kanal Projekts. Nur mit der Realisation des Kanals und dem damit verbundenen Aufschwung hätte die Stadt die Kapazität des Klärwerks voll ausschöpfen können..

Zusammenhang des Klärwerk-Standorts mit dem Rhein-Maas-Schelde-Kanal Projekt der Stadt Krefeld

Für den Rhein Maas Schede Kanal und den Rheinhafen war der Standort des Klärwerks vorausschauend so ausgewählt worden, dass neben dem Eisenbahn-, Hafenausbau auch die Erweiterung zum Rhein-Maas-Schelde Kanal weiterhin möglich bleiben würde. Unmittelbar am Klärwerk sollte die erste der Kanalschleusen entstehen.

Geländeplan

Das Klärwerk entstand in einer parkartigen Anlage, eingefasst mit Wegen und Baumreihen. Im Süden begrenzt durch den Hafenbahnhof, im Westen durch die Staatsbahnlinie und im Norden, bis heute durch Grünanlagen und Geländezuschnitt ablesbar, durch den möglichen Verlauf des Rhein Maas Schelde Kanals. Der asymmetrische Geländeschnitt im Norden zeigt die Lage der angrenzenden ersten Schleuse des nicht erbauten Kanals und ist bis heute durch eine Baumreihe und anschließende Grünanlage freigehalten.

Karte des Klärwerks, Lokomotivschuppen, Verwaltungsgebäude, Stellwerk, Reparaturwerkstatt, Quelle: Archiv des Klärwerks, Dank an das Katasteramt der Stadt Krefeld

Ausserdienststellung

Das Klärwerk ist bis 1962 in Betrieb gewesen. Danach sollte es an gleicher Stelle durch eine neuartige Anlage mit biologischer Abwasserreinigung ersetzt werden. Das alte Gebäude hätte dazu weichen müssen. Aufgrund von Platzbedarf und der potentiellen hohen Geruchsbelastung der Bewohner der nahegelegenen Stadt Uerdingen wurde das neue Klärwerk allerdings an anderer Stelle realisiert, das Gebäude blieb als eines der letzen frühen Klärwerke erhalten.

Nachdem das Denkmalschutzgesetz in NRW erstmals in Angriff genommen wurde, entschloß man sich in Krefeld in einem national beobachteten Beispiel der Industriedenkmalpflege zur Instandsetzung des Industriedenkmals und begann 1980 eine Umnutzung als Abwasserpumpwerk. Dies führte allerdings im Resultat zur erheblichen Schädigungen des Gebäudes und wurde um das Jahr 2000 beendet.

Erhalt

Nach weiteren Jahrzehnten Leerstand ist das mittlerweile schwer beschädigte Gebäude 2018 nach dem Sankt-Florian-Prinzip in private Trägerschaft übergegangen und wird durch die Eigentümer und der Verein zum Erhalt des historischen Klärwerks in Krefeld Uerdingen e.V. schonend instandbesetzt, um es langfristig zu erhalten. Das Klärwerk liegt heute auf der Europäischen Route der Industriekultur ERIH und ist im Watermuseums Global Network.

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Rheinhafen Krefeld
von Christoph Becker


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