Holtz & Willemsen

1880 wurde in Uerdingen eine Aktien- Spritfabrik gegründet, deren Betrieb nach Konkurs bereits 1888 von Franz Holtz und Reinhard Willemsen übernommen wurde, um dort ohne große bauliche Veränderungen eine Ölfabrikation einzurichten. Die Anlage ist das älteste erhaltene historische Industriegelände in Uerdingen.

Sehenswert sind ist das Lagerhaus am Rheinwerft, sowie die Eckbebauung zur Hohenbudberger Straße.


Geschichte und Hintergrund

Schaubild der Uerdinger Aktien Spritfabrik, 1889

Die Uerdinger Aktien Spritfabrik aus dem Jahr 1880, mit Kontorgebäude, Labor, Kessel- und Maschinenhaus, Gärraum und Spiritusanlage, Rektorenturm und Elevator am Rhein, brannte aus Agrarprodukten, wie zB. vergorenen und nicht mehr als Futtermittel einsetzbaren Ackerfrüchten einen Brennspiritus. Werksleiter der Aktiengesellschaft war Dr. Karl Meyer.

Die Spritfabrik war unmittelbar am Rheinufer erbaut worden und nutzte diesen als Transportweg um Rohstoffe herbeizuführen, die mittels Elevator aus Schiffen gehoben werden konnten. Aber der Rhein diente auch als kostengünstige Müllabfuhr, um die Rückstände des Brennens in Form der sogenannten Schlempe kostengünstig zu entsorgen.

Dies wiederum untersagte aber die für die Aufsicht über den Rhein zuständige Preußische Rheinstrombauverwaltung des Oberpräsidiums der Rheinprovinz in Koblenz und Dr. Meyer mußte andere Wege der Entsorgung gehen.

Er skizzierte darauf hin einen neuartigen Trocknungs- Apparat für die Schlempe, welcher dann in der Werkstatt der benachbarten Rheinischen Röhrendampfkesselfabrik von August Büttner gebaut wurde. Nachdem die Spritfabrik 1888 auch noch Probleme mit der Steuer bekam und anschließend stillgelegt wurde, wechselte Dr. Mayer hinüber zu August Büttner.

Für die Anlage am Rheinufer interessierten sich nun die zwei Ölmühlen Besitzer vom Niederrhein, Franz Holtz und Reinhard Willemsen. Sie übernahmen den Betrieb und es entstand im unveränderten Gebäudebestand die Holtz und Willemsen Ölfabrik.

Rheinseite, Lagergebäude, Zustand 2020
Raffinerie für technische Öle, 1936

Die Werksanlage erstreckt sich in Nord-Süd Richtung auf einem vergleichsweise schmalen Grundstücksstreifen zwischen Rhein und Hohenbudberger Straße.

Die mehr als 200 Meter lange Rheinfront bot eine optimale Verbindungsmöglichkeit zwischen Werk und dem Anlieferungsverkehr für die Ölsaaten auf dem Rhein. 

Das Unternehmen überstand die Weltkriege, wurde weiter ausgebaut, übernahm die Uerdinger Baumwollspinnerei (nicht erhalten) um zusätzlich dort Margarine herzustellen.

Anzeige zur Eröffnung der Uerdinger Rheinbrücke 1936

1936 wurde am Rheinufer eine neue Fabrik für technische Öle erbaut und die Mitarbeiteranzahl erreichte mit mit 600 ihren Höchststand.

1964 arbeiten bei Holtz & Willemsen 450 Mitarbeiter, aber knapp 15 Jahre später musste die Produktion eingestellt werden und 320 Beschäftigte verloren 1978 ihren Arbeitsplatz. 

Umnutzung

Eine sinnvolle und für den historischen Industriestandort Uerdingen auch identitätsstiftende Nutzung wurde von wechselnden Eigentümern in den letzen Jahrzehnten immer wieder ins Auge gefasst, allerdings scheiterten die Versuche am Widerstand des größten Nachbarn und Planungsrecht.

Nachdem die Produktion eingestellt wurde, steht ein Großteil der Anlage seit Jahrzehnte leer und ist dadurch zur bekanntesten Industrieruine in Krefeld geworden. Die verfallenden Strukturen sind bereits aus großer Entfernung zu sehen.

Abrissarbeiten 2020 © Steffen Schmitz (Carschten) / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Erhalt

Zuerst führte die Übernahme des Geländes durch die Entwicklungsgesellschaft des Landes Nordrhein-Westfalen LEG zur Hoffnung, das Areal zu retten und umzunutzen. Konkrete Pläne entstanden um das Holtz und Willemsen Gelände durch Wohnen und Arbeiten neu und kreativ zu nutzen.

Nachbar ist der Chemiekonzern (damals noch Bayer AG), Nachfolger der Farbwerke E. ter Meer & Co. Dieser sah die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten durch potentielle öffentlicher Nutzung auf dem Gelände beschnitten und führte die Gefährdung von Arbeitsplätzen im Werk als Argument an.

Dies und die Planungen der Investoren und Entwürfe zu einem schwierig umzusetzenden Bebauungsplan seitens der Stadt Krefeld resultierten im Ergebnis in Jahrzehnten Stillstand und Verfall der Denkmalsubstanz.

Trotz Denkmalschutz ist in Krefeld das hochrangige Industrie-Ensemble nun so erheblich beschädigt und verfallen, dass jüngst und letztendlich Gebäude aufgrund ihrer Einsturzgefahr abgerissen werden konnten.

Kritisch muss angemerkt werden, dass die Nutzung einer „urbane Wasserlage“, die anerkannt zu den wertvollsten urbanen öffentlichen Orten gehört, in einer Vielzahl von Beispielen in ganz Europa wohl zusammen mit ihrer ablesbaren historischen Substanz erhalten worden wären. Das ist mehr als bedauerlich, eine große aber vertane Chance.

Ausblick

Planungen nutzen seit geraumer Zeit den Projektnamen „Rheinblick„. Dabei soll das Gelände von unterschiedlichen Eigentümern und unterschiedlichen Projektträgern zB. mit Luxus- Wohnungen mit exklusivem Rheinblick, für bis zu 1.4Mio€ pro Einheit bebaut werden.

Hier ist zu befürchten, dass von der reichen Industriegeschichte der ehemaligen eigenständigen Stadt Uerdingen nur noch Geschichten übrig bleiben.

Auf dem Gelände ist heute, neben der alten Spritfabrik am Rheinufer, nur noch die Maschinenhalle mit Backsteinfassade (1901), zusammen mit der neueren Raffinerie für technische Öle ganz am Ende des Geländes (diese aus dem Jahr 1936) erhalten.

Verwaltung Holtz und Willemsen, Eingangsportal, 1901: nicht mehr vorhanden

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von Walter Buschmann

2 Antworten auf „Holtz & Willemsen“

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