Fritz ter Meer im Dritten Reich

Kontext: Das Chemiewerk Uerdingen seit dem 20. Jahrhundert

Einleitend der Verweis auf die Biografie Fritz ter Meers:
Wex, Manuela, „Meer, Fritz ter“ in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 606-608 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd138932778.html#ndbcontent

Eine der umstrittensten Persönlichkeiten aus Krefeld-Uerdingen ist der Sohn des Chemiefabrikanten Edmund ter Meer.

Fritz ter Meer war in den obersten Führungsgremien des I.G. Farben Konzerns in höchsten leitenden Positionen. Die Werksleitung in Uerdingen gab er daher ab und wohnte seit 1935 in Frankfurt/Main, dem Hauptsitz der I.G. Farben AG.

Fritz ter Meer war zur Zeit der NS-Diktatur insbesondere für die technische Überwachung aller zum I.G. Farben Konzern gehörigen Farbstofffabriken zuständig, ordnete die Produktion der Werke neu, bildete die Werksgruppe Niederrhein der I.G., in der das Werk Uerdingen seines 1931 gestorbenen Vaters Mitglied war.

Autarkie und Kautschuk

Autarkie-Bestrebungen der Nationalsozialisten dienten der Vorbereitung eines Krieges, bei dem Deutschland von der Import- Rohstoffversorgung abgeschnitten werden würde und auf andere Weise Treibstoff und Kautschuk zB. für Reifen produzieren müsste. Grundsätzlich stand die I.G. Farben AG, als ein mit internationalen Handelspartnern verwobener Chemiekonzern, den Autarkie-Bestrebungen zuerst sehr skeptisch gegenüber. Dennoch wurde die Kunstkautschuk Autarkiefrage immer dringlicher und seitens der I.G., wenn auch zögerlich, weiter entwickelt.

1937 begann die Nazifizierung der I.G. Farben, indem überall im Konzern das Führerprinzip übernommen wurde. Jüdische Mitarbeiter mußten in Deutschland und im Ausland sämtliche Niederlassungen der I.G. Farben verlassen. Im deutschen Reich wurden bis zum Beginn des Jahres 1938 die Betriebsführer der Werke und Teilanlagen, sowie die Vorstandsmitglieder der zentralen I.G. zum Teil ausgetauscht und durch weitere 10 konforme Mitglieder ergänzt. Auch Fritz Ter Meer trat 1937 der NSDAP bei.

Er gehörte zu den leitenden Verantwortlichen, die noch aufgrund von Wissen und ihrer guten Qualifikation als Ingenieure, Führungsaufgaben im Konzern hatten. Ab 1938 drehte sich dies endgültig, ab da konnte ein schlechter Ingenieur, der aber guter Parteigenosse war, in höchste Führungspositionen aufsteigen.

Ter Meer war nun im Konzern für die Errichtung der gewünschten leistungsfähigen und autarken Kunstkautschuk Produktion verantwortlich. Die Farbenwerke Bayer hatten bereits vor dem Ersten Weltkrieg Experimente mit einem synthetischen Kautschuk gemacht, die I.G. Ludwigshafen setzte diese 1934 mit der Hilfe des dort mit der Kautschuk Synthese befassten Otto Ambros fort. Synthetischer Kautschuk war erstmals durch die Einwirkung von Natriummetall auf Butadien entstanden und hatte daher den Namen Buna erhalten.

Die Synthese wurde mit anderen Zusatzstoffen in der Folgen zeit noch entscheidend verbessert und 1939 die erste Synthesekautschuk-Fabrik in Schkopau / Leuna in Betrieb genommem. Eine weitere Fabrik ging 1940 in Hüls in Betrieb, die dritte 1943 bei Ludwigshafen.

Auschwitz

Im Generalgouvernement, den besetzten polnischen Gebieten, wurde nahe der südpolnische Stadt Oswiecim, in deutsch Auschwitz, nach langer Standortsuche 1941 ein viertes Werk für die Produktion von Buna gebaut.

Ende Oktober 1942 wurde unmittelbar neben dem Werksgelände ein firmeneigenes Konzentrationslager errichtet, das von der SS im Auftrag der I.G. Farben betrieben wurde.

Auf die Werksbaustelle mit dem I.G. Farben Konzentrationslager Auschwitz III Monowitz wurden tausende Fachleute aus den Stammwerken der I.G. Farben abgeordnet. Die I.G. Farben arbeitete in der Folge mit der SS bei der Verbesserung der Konzentrationslager Auschwitz I Stammlager und Auschwitz II Vernichtungslager Birkenau zusammen, indem Materialkontingente der I.G. für Metall und Holz bereitgestellt wurden. Es folgten gegenseitige Besuche (KZ Leiter Höss in Ludwigshafen

Baustelle I.G. Farben Werk Auschwitz, Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2007-0057 / CC-BY-SA 3.0

Im KZ Auschwitz III Monowitz waren Ende 1944 über 10.000 Häftlinge untergebracht, die für die IG Farben Zwangsarbeit leisten mussten. Auf der Werksbaustelle und in den umliegenden Vernichtungslagern kamen allein im direkten Zusammenhang mit den Aktivitäten der I.G. Farben geschätzt 25.0000 Zwangsarbeiter um.

Aus den anderen Werken der I.G. im Reich, auch aus dem Rheinland, waren Mitarbeiter auf die Baustelle entsandt worden und wohnten teilweise auch im Sperrgebiet der SS, auch im Bereich des Vernichtungslagers Auschwitz II Birkenau. Auf der Baustelle des I.G. Farben Werks Auschwitz Monowitz waren mehr als 200 weitere Firmen beschäftigt. Deren Mitarbeiter konnten die Häftlinge und deren Tod und Leid täglich sehen, auf der Baustelle und auch außerhalb.  

Plan des Werks und der umgebenden Lager, Zustand 1944, Quelle : HEROMAX, CC BY-SA 3.0,

Fritz ter Meer hatte die Baustelle zwischenzeitlich auch mehrfach persönlich besucht und über seinen Tisch in Frankfurt liefen u.A. wesentliche Entscheidungen und Informationen zur Werksbaustelle.

Auschwitz war der Wendepunkt in der Arbeit der innovationsreichen, markt- und machtbewußten I.G. Farben. Der Konzern kooperierte seit 1941 so eng mit der SS, dass eine Trennung von industriellem, unternehmerischem Handeln, vom politischen Handeln der Nazis nicht mehr vorhanden war.

Vielmehr hatte sich die I.G. Farben nun derartig eng mit den NS-Zielen und Personalien verwoben, dass sie beim Scheitern des Krieges zwangsläufig unternehmenskritische Probleme bekommen würde. Rückblickend sollte damit die Geschichte des zusammenhängenden größten und erfolgreichsten Chemiekonzerns der Erde beendet werden.


Die Verantwortung vor Ort trugen die Ingenieure und Manager die mit der echnischen Ausführung und Baustellenleitung befasst waren, wie Heinrich Bütefisch (selbst auch SS Mitglied), Walter Dürrfeld, und Otto Ambros. In der I.G. Farben Zentrale Fritz ter Meer, bis er 1943 nach Italien, in seiner Rolle als Wehrwirtschaftsführer (seit 1942) und Beauftragter des Reichsministeriums für Rüstung und Kriegsproduktion versetzt wurde, um nun dort die chemische Industrie Norditaliens zu kontrollieren.

Die Buna-Fabrik in Auschwitz wurde nie vollendet und bis zur Einnahme durch die Rote Armee im Januar 1945 konnten hier nur geringe Mengen an Vorprodukten gewonnen werden.


Ganze Waggonladungen Dokumente, mit Tonnen von Akten zu den Aktivitäten in Auschwitz, Unterlagen die Zwangsarbeiter berührten, den Häftlingseinsätzen, der Mitarbeit von I.G. Mitarbeitern in der NSDAP, Unterlagen über die eingebetteten Vertrauensleute der Gestapo, Unterlagen aller geheimen Kommandosachen, alle geheimen Reichssachen, alle Geheimsachen, weitere umfangreiche Akten die für den Feind von Nutzen sein könnten, wurden 1945 in Auschwitz und in allen anderen I.G. Farben Werken, von den Mitrrarbeitern der I.G. Farben, im Auftrag der Unternehmensleitung der I.G. Farben darunter Ter Meer, fast vollständig vernichtet. 


Im April 1945 wurde Fritz ter Meer vom amerikanischen Militär inhaftiert und 1948 im Rahmen der auf die Nürnberger Kriegsverbrecher Prozesse folgenden I.G. Farben-Prozesse, das Militärtribunal gegen die Mitglieder der Führung der I.G. Farben, angeklagt. Die Angeklagten waren mit der Materie bestens vertraut.

Noch in den Jahren 1946 und 1947 wurde weiterhin belastendes Material über das I.G. Werk in Auschwitz vernichtet. Dies verschaffte der Verteidigung einen Vorsprung gegenüber der Anklage. Diese hatte sämtliches noch verfügbares Material beschlagnahmen lassen und im Document Center Griesheim gelagert.

Von dort konnten allerdings weiterhin betriebsrelevante Akten für die einzelnen Werke, die unter Aufsicht der Alliierten weiter produzieren sollten, zu deren Einsicht angefordert werden. Insbesondere im Werk Ludwigshafen wurden in diesen speziell angeforderten Akten, noch bis 1948 umfangreich Bereinigungen vorgenommen. Mehrere Mitarbeiter des Konzerns, wie beispielsweise Dr. Wolfgang Alt, der zuvor in Auschwitz am Aufbau des Werks beteiligt war, arbeiteten in Ludwigshafen in sortierender Sonderrolle. Er folgte damit den Anweisung der Inhaftierten.

Die Verteidigungslinie der Angeklagten der I.G. Farben wurde von Fritz ter Meer ausgearbeitet, koordiniert und auch geleitet. Ter Meer gab, wie alle anderen Angeklagten an, sich nicht an die Vernichtung von Zwangsarbeitern oder Details zu den Konzentrationslagern erinnern zu können, man plädierte geschlossen auf „unschuldig“. Zehn der Angeklagten wurden freigesprochen, dreizehn erhielten Gefängnisstrafen von bis zu acht Jahren. 

Fritz ter Meer wurde als Kriegsverbrecher nur zu sieben Jahren Haft verurteilt. Aus der Haft wurde er allerdings bereits 1952 wegen „guter Führung“ vorzeitig entlassen.

Es ist nicht anzunehmen, dass Fritz ter Meer für die Gräultaten, zu denen er verantwortlich beigetragen hatte, jemals eine persönliche Verantwortung empfunden hat.

In der deutschen Nachkriegsgesellschaft lebte diese von Fritz ter Meer entwickelte Verteidigungsstrategie der Vertuschung, des Nichtwissens, man sei unpolitisch gewesen, gezwungen mitzumachen, somit selbst Opfer der Nazis zu sein, weiter.

Es ist durch hunderte dokumentierter Zeugenaussagen erwiesen, dass die abscheulichen Verbrechen die in Auschwitz stattfanden, den Arbeitern und den Angestellten der I.G. Farben Auschwitz bekannt waren. Diese tausende deutsche Betriebsangehörige der Stammwerke der I.G. Farben haben davon gewußt und sie haben dieses Wissen zurück in ihre Werke, zu ihren Kollegen, Freunden, Familien gebracht.

Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2007-0057 / CC-BY-SA 3.0 link

Kontext: Das Chemiewerk Uerdingen seit dem 20. Jahrhundert

Mehr lesen

Bayer AG zur Unternehmensgeschichte

1925-1945 und 1945-1951

I.G. Farben Prozess

Während des I.G. Farben Prozesses sind umfangreiche Materialien gesammelt worden, danach eine Vielzahl von Publikationen erschienen, die hier nicht sämtlich zitiert werden können. Einige seien hier kurz vorgestellt:

Die in Auschwitz sterben mussten, haben andere auf dem Gewissen
Projektion, Rezeption und Realität der I.G. Farbenindustrie AG. im Nürnberger Prozeß,
Dissertation, Berlin 2010, Dr. Stefan Hörner

The Devil’s Chemists [24 Conspirators Of The International Farben Cartel Who Manufacture Wars], vom stellvertretenden Chefankläger Josiah E. DuBois Jr. rückblickend 1950 geschrieben:

To understand the full significance of this story, bear in mind that today the main characters — defendants in the most far reaching criminal trial in history — are all alive and free to work against the way of life you and I cherish

https://archive.org/details/pdfy-3lxDZXBsQKxNRaCr/page/n3/mode/2up

Fritz ter Meer

Obwohl Fritz ter Meer Aufsichtsratsvorsitzender der Farbenfabrik Bayer AG wurde, dem Nachfolger der I.G. Farben Gruppe Niederrhein, sind sehr wenige Quellen aus der Nachkriegszeit zu finden.

Deutsche Biographie

Zur Geschichte Väter und Söhne,
der Verarbeitung der Familiengeschichte Ter Meer im gleichlautenden Film
https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/13513751

I.G Farben Werk Uerdingen

Untersuchungen über die Zeit im III Reich stehen noch aus. Siehe Farbwerk E. Ter Meer & Co / Chemische Fabriken Weiler-ter Meer / Bayer AG Werk Krefeld-Uerdingen / Currenta-Chempark von Stefanie van de Kerkhof 

Weiter lesen

Zur Gründung des Uerdinger Farbenwerks

Zur weiteren Entwicklung des Werks


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

fünf × 5 =