Villenkolonie Bismarckviertel

Im Nordwesten der Krefelder Innenstadt entstand Ende des 18 Jahrhunderts eine Villensiedlung, die heute als das Bismarckviertel bezeichnet wird. Initiator und Investor war Wilhelm Jentges, einer der wohlhabendsten Krefelder und Sohn eines Seidenfabrikanten, ein in Krefeld bestens vernetzter und aktive Geschäftsmann und Politiker, der bis zu seinem Tod 1884 im Krefelder Osten erhebliche Ländereien aufgekauft hatte.

Sehenswert sind die angelegten Plätze und Alleen, der vielfach erhaltene Bestand an Stadthäusern und Villen.

Geschichte und Hintergrund


Vorgeschichte

Karte, sumpfige Ländereien zwischen Krefeld und dem Bockumer Busch, Quelle: historisches Klärwerk

Durch natürliches Gefälle sickerte in den sumpfigen Bereich im Nord-Osten der Stadt Krefeld das Regen- und Abwasser. Die in der Stadt gelegenen Seide bearbeitenden Färbereien führten, zusammen mit den Hausabwässern und der Ableitung des Regenwassers, Abwässer in die umgebenden Stadtgräben, danach sickerte dieses Wasser in Richtung Bockumer Busch, eine Waldlandschaft die zur östlich gelegenen Landgemeinde Bockum gehörte.

Nach erheblichen Auseinandersetzungen mit den betroffenen Gemeinden des Umlands, die von den durch die Färberei überaus stinkenden Krefelder Abwässern heimgesucht wurden, hatte die Stadt erstmals 1874 eine moderne innerstädtische Kanalisation durch einen englischen Ingenieur planen lassen und begann danach einen Abzugskanal zum Rhein zu bauen.

Dazu wurde die Trasse der Uerdinger Straße, eine von den Franzosen unter Napoleon eingerichtete geradlinige befestigte Straße von Krefeld, über Bockum, bis Uerdingen, quer durch den Bockumer Busch genutzt.

Die Kanalisation der Stadt, Dokumentation des Klärwerks zum Tag des offenen Denkmals

Dies hatte für die am Kanal liegenden Landgemeinden allerdings ungeahnte Konsequenzen, denn deren Brunnen fielen trocken. Da der aus Ziegeln gemauerte Kanal nicht vollständig dicht war, zog er auch das Wasser aus den umliegenden Bereichen ab.

Auch die Gräben und Sümpfe im Bockumer Busch und auf den Jentges’schen Ländereien fielen dadurch trocken, der Grundwasserspiegel senkte sich nach und nach um rund drei Meter. Im Buschgraben entlang der Jentgesallee ist dies bis heute anschaulich.

Pläne eines Stichkanals vom Rhein samt einem städtischen Hafen
Karte Baurat Marcks, 1896, Original im Stadtarchiv Krefeld

Nachdem allerdings Pläne eines Stichkanals vom Rhein samt einem städtischen Hafen diesen Bereich durchkreuzen würden und dies für einigen Wirbel gesorgt hatte, aber kurze Zeit später wiederum fallen gelassen wurde, ließen seit 1887 Verantwortliche für den Grundbesitzes von Jentges die ersten Straßenzüge für das Villenviertel als Parkanlagen und Alleen anlegen.

Entstehung von Villensiedlungen in Landschaftsparks

Die zugrundeliegende Ideen von Stadtplanern der Moderne für „Gartenstadt“ Siedlungen entstand bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts, zuerst als die Anlage von Villensiedlungen in Landschaftsparks.

Eines der ersten Vorbilder war die um 1877 erbaute Villenkolonie für die gehobene Mittelklasse und Besserbetuchte in Bedford Park, rund 20 Kilometer vor London. Siehe https://www.bedfordpark.org.uk/suburb/

Map Bedford Park, Quelle: https://www.bedfordpark.org.uk/suburb/

Diese neuartigen Villensiedlungen in England wurden als ein zusammenhängendes Gebilde geplant. Der Grund für die außerhalb der Stadtzentren gelegenen Siedlungen waren die Ausbreitung des Eisenbahnnetzes, Grundstücke in den boomenden Städten wie London wurden unbezahlbar, mit dem Zug konnte von dort aber dennoch rasch die Stadt erreicht werden.

Von England ausgehend entstanden in der Folge Villenkolonien in ganz Europa, sie wurden meist in parkartigen Anlage geplant, Grünflächen und das Wohnen in der Natur sollten die neue Identität des Ortes herstellen und waren das zentrale Argument für die Werbung.

Erfolgreich wurden diese Villensiedlungen aber insbesondere durch den neuen Komfort der sich durch die dort reduzierbaren „Belästigungen“ der Stadt ergab: eine eigene moderne Infrastruktur, die neu zusammengestellte homogene Nachbarschaft, das ungestörte gesellschaftliche Leben unter den Ihresgleichen, der erhöhte gesellschaftliche Status.

In diesen Villensiedlungen hatte der jeweilige Investor die wesentliche und strategische Schlüsselrolle. Die Entwicklung der Siedlung musste durch geschicktes Management auch politisch durchgesetzt werden, es musste ein vorzeigbarer Plan erarbeitet werden, die Potentiale der Siedlung mussten in interessierten Kreisen inszeniert und beworben werden können.

Die Villensiedlung in Krefeld

Bismarckplatz, Animation 1884-1901

1892 wurde zur Verwaltung der Jentges’sche Grundbesitz gegründet. Die Grundstückspreise vervielfachten sich und dennoch setzte nun eine rege Bautätigkeit ein.

Nun entstanden zahlreiche Villen und Wohnhäuser des Großbürgertums mit eigenen Gärten und Parks, eingefaßt in Alleestraßen, unterbrochen durch als Landschaftsbild gestaltete Plätze.

Hohenzollernstraße, Blick Richtung Bismarckplatz im Bereich der Villa Oetker

Die Grundstücke des ursprünglich als Hohenzollernviertel, heute aber als Bismarckviertel bezeichneten Bereichs des Stadtteils Cracau sind bis heute mit Grunddienstbarkeiten belastet, an die die Eigentümer gebunden sind. Auf den nun insgesamt mehr als 250 Grundstücken in der Villen-Gartenstadt sind ruhestörende Gewerbeaktivitäten untersagt.

Die Idee einer Villenstadt war auch in Krefeld die Antwort gesellschaftlich Privilegierter auf die Veränderung des urbanen Wohnens innerhalb der vier Wälle der Stadt. Durch die Industrialisierung in Form der Mechanisierung der Seidenweberei begann die Bevölkerung stark zu wachsen, die Stadt quoll aus dem klassizistischen Rechteck weit heraus, Industriebetriebe entstanden nun in einem Ring ausserhalb der Stadt.

Bismarckplatz, Hohenzollernstraße, Siedlungszone mit früher Bebauung, ca 1901, Ausschnitt aus Karte 324, Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland

Für die wohlhabenden Gesellschaftskreise waren die gesundheitlichen, sozialen, sittlichen und auch politischen Gefahren im innerstädtischen Umfeld nunmehr kritisch beobachtet worden.

Die Villenkollonie des Siedlungsbereichs zeichnete daher eine neue soziale Distanz zum Rest der Bevölkerung aus, unerwünschte Nutzung war unterbunden, die ärmeren Bevölkerungsgruppen waren defakto schon aufgrund der Preise des Baulands ausgeschlossen.

Die im Bismarckviertel entstandenen Bauten, Straßenzüge und Plätze sind sehr sehenswert und in vielen Teilen erhalten. Der Baustile reichen weit, von Historismus bis in den Jugendstil. Siehe weiterführendes zur Geschichte des Bismarckviertels unter www.bg-bismarckviertel.de, dort ist auch ein Rundgang beschrieben. Zur Entstehungsgeschichte lesenswert ist dort der Aufsatz zur Brahmsstraße.

Bebauungsplan für Gartenstadt Villen, Alleen und Parks, 1924, Quelle: Architekturführer Krefeld, Hans Peter Schwanke, 1996

Der Erste Weltkrieg brachte bei vielen Villensiedlungen das jähe Ende der Entwicklung. In Krefeld dehnte sich die Villenbebauung jedoch noch während der Weimarer Republik erheblich weiter aus.

Denn 1924 legte die Jentges´sche Grundbesitz GmbH einen Bebauungsplan für die Fortsetzung des Viertels zum Stadtwald in Richtung Nordosten vor.

In den weissen Lücken des vorausgehenden Bebauungsplans (im Nordosten) entstand zudem 1927 noch privilegierte Häuser in riesigen Parkgrundstücken, unter anderem das des Textilfabrikanten Rudolf Oetker und seiner Frau Lilly Oetker geb. Jentges.

Haus Oetker, 1927/1928 Architekt: August Biebriche

Auch die beiden leitenden Seidenindustriellen der VerseidAG Josef Esters und Hermann Lange bauten ihre Häuser dort.

Haus Lange, im Hintergrund Haus Esters

Die zwei Villen des „Neuen Bauens“ wurden durch den damals noch jungen Architekten Mies van der Rohe um 1928 gebaut. Auch diese Häuser fügten sich nahtlos in Idee der Villenkollonie ein, haben zudem beträchtliche private Parkanlagen.

Erhalt

Die Villensiedlung in Krefeld, ausgehend vom Bismarckplatz, steht in wesentlichen Teilen unter Denkmalschutz. Die Nachkrieges-Verkehrsplanungen haben den Platz selbst und dessen Grünanlagen zu einer asymmetrischen Autoschneise transformiert. Ein shared space Konzept würde eine erhebliche Aufwertung des Platzes bringen, allerdings ist eine Vielzahl der Häuser in der Bismarckstraße und am Bismarkplatz ohne Garage erbaut worden, für die nun sehr vielen ruhenden Automobile der Bewohnet war und ist kein Raum vorhanden.

Mehr lesen:

Die Gartenstadt Idee

Bürgergemeinschaft Bismarckviertel e.V.:

Geschichte des Bismarkviertels